Gestatten – der VERGNÜGUNGEN dritter Teil

Gestatten - Kunst!

Und, könnt Ihr noch? Haltet Ihr die Situation noch aus? Wie vertreibt Ihr Euch die Zeit, und die Sorgen? Schreibt mir gerne in die Kommentare!

VERGNÜGUNG NR. 15: ÜBER DAS LIEBLINGSTIER NACHDENKEN

Isaac Israels: Zwei Esel, 1897-1901, rijksmuseum

Ein Freund von mir antwortet auf die Frage, welches sein Lieblingstier ist, mit „Die Gelbbauchunke“. Es gibt niedlichere und kuschligere Tiere, aber für meinen Bekannten zählt vielmehr, dass das Tier unter Lebensbedingungen lebt, die auch ihm gefallen (würden). Das hat mich dazu gebracht, darüber nachzudenken, welche Eigenschaften MEINES Lieblingstiers ich eigentlich für beneidens-, nachahmens- und lebenswert halte.

Mein Lieblingstier ist der Esel. Das liegt natürlich sehr stark an seiner Optik, aber ich mag ihn auch deswegen so gerne, weil er Eigenschaften hat, die auch ich zu besitzen glaube. Während ich sie beim Esel jedoch toll finde, hadere ich bei mir selbst aber mit ihnen. Genügsamkeit führt vielleicht zu oft dazu, dass ich (für) mich zu wenig fordere, mich viel zu schnell zufrieden gebe mit Umständen, die nicht so toll für mich sind. Belastbarkeit ist gut, aber wenn man, wie der Esel, immer nur „J-A“ zu allem sagt, sagen kann, bricht man irgendwann zusammen. Störrisch und bockig sein kann ich ebenso gut wie das graue Tier.

Wenn ich über den Esel nachdenke, bin ich allerdings viel milder im Urteil über diese Eigenschaften, als bei mir selbst. Statt Dickköpfigkeit attestiere ich ihm Unbeirrbarkeit, statt bescheidener Zurückhaltung Sensibilität, statt Belastbarkeit eine Freude an Herausforderungen. Der Blick auf den Esel mildert so auch den Blick auf mich selbst. Danke, kleiner Grauer!

.

Yashima Gakutei: Dame, ein Gedicht schreibend, um 1820

VERGNÜGUNG NR. 16: EINE EIGENE SCHRIFTART ENTWERFEN

Es gibt Menschen – nicht selten solche mit kreativem Talent –, die haben eine beneidenswert schöne Handschrift. Bei ihnen sieht selbst der Einkaufszettel aus wie die Einladung zur Gartenparty beim Bundespräsidenten.

Wir schreiben immer weniger mit der Hand, was angeblich auch Auswirkungen auf unser Gehirn und seine Leistung hat. Verständlich, ist das Schreiben doch ein sehr komplexer Prozess. – Erinnern wir uns nur, wie mühsam es war, es zu lernen! Nun hat man heute auch wenig Grund, etwas mit der Hand zu schreiben. Schreiben kann aber auch (oder gerade dann) wieder Spaß machen, wenn es nicht um Sinn und Worte geht. Eine eigene Schriftart zu kreieren, ist eine gute Gelegenheit, kreativ zu werden, Dinge (Buchstaben) neu zu betrachten und anders zu machen. Los geht´s!

.

Kawanabe Kyosai: Krähe auf einem Zweig, ca. 1887, MET

VERGNÜGUNG NR. 17: VÖGEL BEOBACHTEN

Neben Eseln (s. Vergnügung Nr. 15) mag ich Rabenvögel sehr gerne. In ihnen vereint sich Intelligenz und Schalk, Anmut und Frechheit. Wenn ich sie irgendwo sehe, was im ländlichen Gebiet dauernd vorkommt, beobachte ich sie gerne eine Weile dabei, wie sie auf den Feldern herumhüpfen, sich gegenseitig Essen abluchsen und wie unverschämte Halbstarke die Bussarde mobben.

Ein anderes Federtier, dass mir besonders ans Herz gewachsen ist, ist das Hausrotschwänzchen. Viele Jahre kam jeden April ein Pärchen zu mir, das in der Scheune hinterm Haus siedelte. Es war einfach zu schön mitzuerleben, wie das Nest gebaut und dann in unermüdlichen Einsatz Futter besorgt wurde. Irgendwann hörte man es aus der entsprechenden Ecke piepsen und etwas später saßen dann auch die noch ziemlich zerzausten und immer missmutig dreinschauenden Küken im Hof und lernten fliegen (gerne auch schon mal in die gerade geöffnete Wohnungstür). Die Rückkehr der Hausrotschwänzen ist für mich jedes Jahr der Beweis, dass der Frühling nun wirklich da ist. Und wenn ich den kleinen Vogel das erste Mal im Jahr wieder „singen“ höre, bin ich erleichtert und froh, dass er es wieder zurück zu uns geschafft hat.

.

VERGNÜGUNG NR. 18: SCHLAFEN

Eduard vuillard: Im Bett 1891 Musée d´Orsay

Das Thema Schlafen als Vergnügung hatte ich erst ausgeklammert, weil es mir ein schlechtes Gewissen bereitet. Nicht das Schlafen an sich, das ist ja noch mit seiner unbedingten Notwendigkeit rechtfertigen lässt. Nicht, weil ich es immer kann, nachmittags, abends, egal. Sondern, weil ich es auch so oft tue. Für Menschen, die acht Stunden am Tag im Büro sitzen, scheint das beneidenswert zu sein. Ich aber fühle mich unwohl, wenn ich weiß, dass ich jetzt einfach penne, nichts tue, vollkommen unproduktiv bin, während andere im Büro sitzen und fleißig das tun, was erwachsene Menschen normalerweise unter der Woche tun: arbeiten.

Aber tatsächlich ist Schlafen eines der wunderbarsten Vergnügungen, die es gibt, finde ich. Und weil ich von Julia N. ein so schönes Bild dazu zugeschickt bekommen habe, nehme ich es nun doch mit auf in die Reihe.

Schlafen ist wohl die einzige Tätigkeit, die wir ausführen, ohne etwas von ihr mitzubekommen. Wir sind voll dabei und doch unbeteiligt. Mittendrin, aber inaktiv. Wunderbar ist das Eindösen, wenn die letzten bewussten Gedanken peu à peu von den ersten Traumfäden eingefangen und weitergewebt werden. Und wunderbar ist auch das Aufwachen aus einem Traum, dessen heitere oder melancholische oder erotische Stimmung uns sanft in den Tag entlässt (von den Träumen, die uns verwirrt und verstört zurücklassen, wollen wir hier nicht sprechen). Was in den traumlosen Phasen geschieht, was wir tun – uns umdrehen, lachen, zucken, reden– das bleibt das Geheimnis des Schlafs. Eine Phase vollkommener Kontrolllosigkeit. Fast schade, dass wir davon nichts bemerken.

.

VERGNÜGUNG NR. 19: HÜPFEN

Jan van Kessel: Insekten, Schmetterlinge und Grashüpfer (Detail), 1664, MET

Hüpfen ist für den ausgewachsenen Menschen zugegebenermaßen nicht die leichteste und Energie schonendste Art der Fortbewegung. Allein über die Beine das gesamte Körpergewicht möglichst hoch nach oben zu stemmen, kostet viel Kraft. Kinder können ganze Spaziergänge lang durchhüpfen. Uns würde im dümmsten Fall ein chronischer Kniescheibenschaden, mindestens aber ein tagelanger Muskelkater blühen.
Ich rate also dringend zum temporären Hüpfen. Auf dem Weg zum Supermarkt, beim Spaziergang: Einfach ab und zu mal vom Boden abheben. Die Erweiterung der eigenen Körpergröße nach oben hilft gegen das Gefühl, dass einem langsam die Decke auf den Kopf fällt. Wir kommen dem Himmel ein kleines Stück näher und der Sonne auch.

.

VERGNÜGUNG NR. 20: SICH NASSREGNEN LASSEN

AUS: Le Goût du Jour, 1920, No. 34

Als menschliche Spezies mögen wir es gerne warm und trocken. Regnet es draußen, ziehen wir uns entsprechend wasserdicht an oder verlassen erst gar nicht das Haus. Das ist verständlich, wenn wir (unter normalen Umständen) auf dem Weg zur Arbeit, zu einer Familienfeier, nach irgendwohin sind, wo uns weder eine heiße Dusche noch trockene Klamotten erwarten. Ansonsten aber sollten wir das Erlebnis des Nassgeregnet-Werdens viel öfter genießen. Ja, richtig. GENIESSEN! Denn: Nur im Regen kommen wir der Natur hautnah, sind ganz und gar von ihr umfangen. Uns der Sonne auszusetzen mag verlockender klingen, aber ein Schnupfen ist auf Dauer wesentlich weniger gefährlich als ein hautkrebserregender Sonnenbrand. Wenn es also das nächste Mal regnet: rausgehen! – Und anschließend die heiße Dusche genießen.

.Hans Hoffmann: Hase im Wald, um 1585, Getty Museum

Hans Hoffmann: Hase im Wald, um 1585, Getty Museum

VERGNÜGNUNG NR. 21: MÜMMELN [Anm.: Am Ostersonntag gepostet]

Es ist Ostern. Was liegt näher, als das Mümmeln als Vergnügung zu empfehlen? Mümmeln stammt – falls Ihr das noch nicht wusstet – etymologisch von Lümmeln ab und meinte in seinem althochdeutschen Ursprung „môhrmarlin“ „an einer Möhre kauend herumlümmeln“. – Wegen Möhre auch das M statt dem L am Anfang. Ich vermute, ähnlich wie die Wörter aus „Lost in Translation“ (s. Vergnügung Nr. 15), entstand auch dieser schöne Begriff dadurch, dass man nach einer Bezeichnung für das gemütlich-entspannte Herumknabbern der Stallhasen an einer Karotte suchte („Kümmeln“ war aber zu nah an Kümmel dran, weswegen man auf Möhre statt Karotte zurückgriff). Viel Vergnügen beim Mümmeln an den Oster- und Schokoladeneiern!

.

Und, was meint Ihr? Sollte es noch einen vierten Vergnügungsteil geben, oder wollt Ihr mal wieder mehr Tiefschürfendes über Kunst erfahren?

4 thoughts on “Gestatten – der VERGNÜGUNGEN dritter Teil

  1. Ich freue mich über jeden neuen immer wieder inspirierenden Beitrag. Klasse gemacht. Schon über 1 Jahr verfolge ich die Beiträge. Wir gehen oft in Museen. Inzwischen schaue ich mir die Bilder aus ganz anderen Blickwinkeln an. Danke!!

  2. Total nett geschrieben, sehr schöne Idee. A propos Esel es gibt Eselführungen nähe Dalheim in einem Dorf.. wollte mal hin denn ich mag sie auch. Mein aktuelles Lieblingstiet ist mein Eichhörnchen. Liebe Grüsse Annie

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.