Gestatten – Drei Heilige Könige, ungefähr

Gestatten - Kunst!


Und? Waren
die Sternsinger schon bei Euch? Alle dabei? Kaspar, Melchior, Balthasar?

Wir sprechen heute ja sehr selbstverständlich von DREI Männern, die kurz nach seiner Geburt das Christuskind besuchten, von Beruf Könige waren und Kaspar, Melchior und Balthasar hießen. Sie kamen irgendwo aus dem Morgenland, genauer weiß man es nicht. Einer aber von woanders, der war nämlich schwarz und damit als Afrikaner identifizierbar (vielleicht hatte er auch einfach einen entsprechenden Migrationshintergrund, aber das ist hier weder Thema noch wichtig). – Eine weitere, nicht fundierte Annahme, der es Kinder über Generationen hinweg verdank(t)en, dass sie am 6. Januar, der Authentizität und dem Stereotyp halber, mit schwarzer Farbe angemalt wurden. Gerne auch mit Schuhcreme (, die natürlich „super“ wieder abging. – Fragt meine Freundin Lisa, die erinnert sich heute noch mit Schmerzen daran, wie ihre Oma mit Scheuermilch versucht hat, ihr das Zeug wieder aus dem Gesicht zu schrubben…).

Dabei sind weder Anzahl noch Tätigkeit noch Herkunft der Geschenkebringer biblisch genauer belegt. In der Bibel werden sie nur einmal erwähnt und als Sterndeuter bzw. – laut griechischer Übersetzung – Magier bezeichnet. Erst durch die Legendenbildung in den ersten Jahrhunderten des Christentums erhalten sie ihre Namen, und ihr Auftauchen als Trio wird ab dem 4. Jahrhundert typisch. Diese Flexibilität in der Überlieferung spiegelt sich auch in der Bildkunst wider: Auf einem Fresko in den römischen Domitilla-Katakomben (3.- 4. Jh.) sind sie zu viert – das war für den Bildaufbau ganz praktisch, da konnte man das längsreckige Bildfeld schön symmetrisch gestalten, indem man je zwei von ihnen links und rechts von Maria mit dem Kind platzierte. Auf einem Mosaik in Sant’Apollinare Nuovo, Ravenna (sehr grob um 500; s. Titelbild) sind die Reisenden dann zu dritt. Dass sie dabei wie Gazellen in großen Sprüngen voraneilen geht, wie auch ihre Kleidung, auf die Darstellungen huldigender Barbaren in der römischen Kunst zurück.
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Eine der (meiner Meinung nach) schönsten Darstellung der Heiligen Drei Könige befindet sich auf einem Kapitell der Kirche Saint-Lazare in Autun, Frankreich (1132 geweiht). Überhaupt hat dieses Gebäude ein ganz einzigartiges Bildprogramm, aber das besagte Kapitell hat es mir besonders angetan. Vielleicht, weil es so schlicht und doch so aussagekräftig ist. Wir sehen hier auf engstem Raum vier Figuren: Neben den drei schlafenden Königen noch einen Engel, der links hinter der Lagerstatt der Männer erscheint. Mit der Linken deutet er auf den Stern, der wie eine Blume über den Köpfen der Schlummernden schwebt. Mit der Rechten tippt er dem hinteren (oder eher: oberen) König an die Hand – wovon dieser gerade wach zu werden scheint. Ich kann mir nicht helfen, aber dieses Bild löst bei mir immer wieder wahres Entzücken aus. Die drei erwachsenen Männer, die wie Puppenkinder selig in ihrem Bettchen liegen (– mit den Kronen auf dem Kopf!); das zarte Lächeln auf dem Gesicht des Engels; die ganz sachte Geste des Anstupsens und die großen Augen des erwachenden Königs. ­– Großartig!
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Trotz der starken Vereinfachung der Gesichter hat der Künstler den Dreien eine gewisse Individualität gegeben: Ein König trägt einen Voll-, einer einen Schnauzbart und einer, der Mittlere, gar keine Gesichtsbehaarung. Das hat damit zu tun, dass man die Drei Könige lange Zeit als Repräsentanten der drei Lebensalter verstanden hat: Ein Greis, ein Mann in den besten Jahren, ein Jüngling. Schauen wir uns Bilder aus der Zeit zwischen dem 7. und dem 12. Jahrhundert an, scheint es uns deswegen heute auf den ersten Blick so, als würde ein König fehlen, denn die Jungs sind zwar unterschiedlich alt, aber gleichmäßig blass. Wie kam es, dass dann (ab dem 15. Jahrhundert fest im Bildkanon etabliert) einer von ihnen zum Schwarzafrikaner wurde? Nun, die Darstellung in verschiedenen Lebensabschnitten bleibt auch dann noch oft erhalten. Nun aber stehen die Könige nicht mehr nur symbolisch für Menschen allen Alters, sondern – als Verkörperung von Europa, Afrika und Asien – auch aller Weltbewohner. Amerika und Australien waren noch nicht entdeckt bzw. hatte man sich dann doch wohl so an die Dreizahl gewöhnt, dass man nicht noch einen vierten und fünften König hinzunahm.

Wobei es Gerüchte gibt, dass sich doch ursprünglich vier Könige nach Bethlehem aufgemacht haben… Kurz vor Weihnachten ist mir ein besonderes Schmankerl österreichischer Kabarettkunst ins Ohr geschwebt und ich freue mich, Euch hiermit den leider aus sämtlichen Legenden zur Weihnachtsgeschichte herausgetilgten Vierten der Heiligen Drei Könige vorstellen zu dürfen: https://bit.ly/39IIlGb

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Und nächstes Mal? – Geht es mit musealen Albträumen weiter. Allerdings erst im späten Frühjahr.

Die Drei Magier, Sant’Apollinare Nuovo, Ravenna, um 500 | Anbetung der Magier, Domitilla-Katakomben, Rom, 3.-4. Jh. Foto: Giovanni Battista | Traum der drei Weisen, Kathedrale von Autun, um 1130, Meister Gislebertus | Anbetung der Könige, aus dem Beatus-Manuskript, spanisch, um 1180, Metropolitan Museum of Art, New York | Hieronimus Bosch: Anbetung der Könige (Detail), um 1475, ebd. | Paolo Farinati: Anbetung der Könige, ca. 1585, Rijksmuseum, Amsterdam | Giovanni di Paolo: Anbetung der Könige, um 1460, MET

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