Gestatten – Echt schlecht

Gestatten - Kunst!

Im letzten Beitrag haben wir erfahren, wie Meister gemacht werden. Die Museen hängen heute voll von diesen großen Künstlern, sodass wir wohl alle ein bisschen verwöhnt sind.

Deswegen will ich heute mal auf die vielen anderen Künstler zu sprechen kommen, deren Namen uns heute kaum noch etwas sagen – nicht, weil sie (wie z.B. lange Zeit Rembrandt und Caravaggio) in Vergessenheit geraten sind, sondern weil sie technisch zwar sicherlich gute Maler waren, es aber eben an großem Talent mangelte. Mir geht es wahrlich nicht darum, mich über sie lustig zu machen! Sicher haben sie alle ihr Bestes gegeben. Aber manche Darstellungen sind einfach so schräg, dass nur ein völlig humorfreier Mensch nicht darüber lachen würde. Ich behaupte auch nicht, ich könnte es besser. Wie bei den meisten von uns (unterstelle ich jetzt einfach mal), ist keines meiner im Kunstunterricht erstellten Werke aufbewahrungswürdig gewesen. Aber deswegen bin ICH eben auch KEINE Künstlerin geworden.

Jedes Bild stellt seinen Macher vor die Hürde, eine dreidimensionale Vorlage in etwas zweidimensionales zu übersetzen. Das ist nicht einfach, denn unser Sehsinn ist nun mal auf räumliches Sehen eingerichtet, und es bedarf einer Reihe an Kniffen und Tricks, durch Schattierungen, Reflektionen, Proportionen etc. auf einem flachen Malträger den Eindruck von Plastizität entstehen zu lassen. Gesichter sind dabei besonders komplex und kompliziert zu zeichnen, weil sie aus so vielen und minimalen Höhen und Tiefen bestehen. Falls wir uns darin noch nicht haben schulen lassen und das Geheimnis nicht kennen, würden wir beispielsweise die Augen immer ungefähr auf die Grenze zwischen dem oberen und dem mittleren Drittel eines Kopfes setzen [Ich habe mal versucht, das grafisch darzustellen. – Jetzt wisst Ihr, warum aus mir auch keine Grafikerin geworden ist 😊]. Das liegt daran (vermute ich), dass wir das Gesicht als die Fläche zwischen Kinn und Haaransatz wahrnehmen (das orange Oval). Was wir ausblenden ist der Teil zwischen Haaransatz und Schädeldach. Berücksichtigt man den mit – was man tun sollte, will man ein gutes Porträt malen – liegen die Augen nämlich tatsächlich in der Mitte des Kopfes (blaues Oval).

Am Bildnis dieses jungen Mannes zeigen sich gleich zwei Schwierigkeiten: 1. die korrekte Wiedergabe eines Gesichts und 2. die Darstellung in perspektivischer Verzerrung, die durch den Blick nach oben entsteht (vor lauter Begeisterung über dieses großartige Vorbild für meine Ausführungen habe ich auch gleich vergessen, das ganze Bild zu fotografieren). Vor allem fällt natürlich auf, dass der Herr ganz schrecklich schielt. Aber selbst, wenn dies nicht der Fall wäre – wie sich an meiner dilettantisch durchgeführten Korrektur zeigt – stimmen die Proportionen und die Anordnung der einzelnen Gesichtsteile hier einfach nicht. Zu seiner Ehrenrettung muss man aber sagen: Hätte der Maler dieses Porträts 400 Jahre später gelebt, wäre er reich und berühmt geworden. So wie Picasso, der noch viel schrägere Gesichter malte und damit unglaublich erfolgreich wurde.

 

 

Große Augen galten damals wie heute als attraktiv, vor allem bei Frauen. Sicher hatte der Maler dieses Bildes die gute Absicht, Maria als besonders hübsch darzustellen und verpasste ihr deshalb so auffallend große Gucker. Jedoch hat er es zu gut gemeint, und seine Madonna sieht aus, als habe sie mit heftiger Schilddüsenüberfunktion zu kämpfen. Hinzu kommt die seltsame Nase, die mehr wie ein aufgeklebter, zu breiter Holzkeil aussieht und kaum modelliert ist. Auch die anderen Figuren im Bild wirken seltsam flach und eher wie das frühe Stadium einer Holzskulptur, bei der die Details noch nicht ausgearbeitet sind. Der schon fast surrealistische Gesamteindruck des Bildes wird durch den kleinen Putto links verstärkt. Er wirkt zwischen Bildrahmen und Christuskind wie hineingepfropft. Außerdem – was macht er da? Das Jesulein mit einer Fliegenklatsche hauen?!

 

 

Hier – zur Schärfung Eures Blicks – noch ein paar Beispiele für semi-gute Malerei:

Was gute von schlechten Malern unterscheidet, ist gar nicht mal nur der Aspekt, dass sie vieles besser können. Sie sind oft auch geschickter darin, Fehler unsichtbar werden zu lassen. Rembrandt war darin ausgezeichnet. Sehen wir uns seine – Achtung, nichts für zarte Gemüter! – „Blendung des Simsons“ genauer an. Fällt Euch etwas auf? Schaut mal auf den Soldaten, der Simson gerade seinen Dolch ins Auge rammt, genauer, auf seinen Arm. Obwohl das Gemälde sehr groß ist (206,0 x 276,0 cm) und die Figuren fast in Lebensgröße abgebildet sind, stören wir uns nicht daran, dass der Arm eigentlich viel zu kurz ist. Und das liegt hier nicht an der perspektivisch bedingten Stauchung. Würde der Mann sich aufrichten und sich gerade vor uns stellen, würde ihm der Arm nicht nur unmittelbar aus dem Hals herauswachsen, er würde ihm auch nur bis zur Hüfte reichen. Rembrandt nutzt aber das allgemeine Getümmel und vor allem das Licht, das auf das eigentliche Thema der Szenerie gerichtet ist, um uns von diesem Faux pas abzulenken […und außerdem die Figur ganz links, die für mich eine irritierende Ähnlichkeit mit Gerard Dépardieu hat]. Für unser Auge ist der Gesamteindruck stimmig – und so ist es zufrieden und schaut nicht genauer hin.

Cézanne hatte das Glück, aufgrund seiner Herkunft keinerlei Geldsorgen zu kennen, sich deshalb ganz seiner Leidenschaft, dem Malen, hingeben zu können. Dies erlaubte ihm mehr als anderen Kollegen seiner Zeit, viel zu experimentieren und einen eigenen Stil zu entwickeln. Wer sich seine Bilder anschaut, erkennt, dass er auf eine naturgetreue Wiedergabe pfiff. Gerade in der Darstellung von Personen kommt dies zum Tragen: Beim „Sitzenden Bauern“ (1892-96) bannt uns zunächst der etwas schwermütige Blick des leicht in sich zusammengesunkenen Mannes. Schauen wir dann genauer hin, sehen wir nicht nur, dass sein Kopf im Vergleich zum mächtigen Körper zu klein ist, hier stimmen auch die Einzelheiten nicht: Die Arme wirken seltsam an den Rumpf montiert, der Oberschenkel des übergeschlagenen Beins ist so drall wie bei einer Rubens-Frau, und die linke Hand geradezu schauerlich riesig. Noch eklatanter sind die Proportionspatzer beim „Jungen in roter Weste“ (1889-90)  – Ihr seht, warum… Dennoch schaut man (also: ich) die Bilder gerne an, weil sie in ihrer Wirkung insgesamt stimmig sind.

 

 

Proportionen, Flächen, Formen; vom Plastischen ins Flache – das sind die Herausforderungen der Kunst. Eine weitere ist, Dinge in Bewegung darzustellen. Daran zeigt sich erneut, was Sehen für ein komplexer Vorgang ist. Wusstet Ihr z.B., dass Kinder erst im Alter von 4-5 Jahren erkennen können, ob etwas (z.B. ein Auto) in der Distanz steht oder sich auf sie zubewegt? Vor diesem Hintergrund ist es nicht mehr so verwunderlich, dass man lange Zeit galoppierende Pferde falsch wiedergegeben hat. Auf alten Darstellungen preschen sie wie Hunde mit gleichzeitig weit von sich gestreckten Vorder- und Hinterläufen durch die Landschaft. Erst mit Aufkommen der Fotografie und der dadurch entstandenen Möglichkeit, Bewegungsabläufe in einzelne Sequenzen zu unterteilen erkannte man, dass dies falsch war. Man darf eben doch nicht alles glauben, was man zu sehen meint…

 

 

Beim nächsten Mal beschäftigen wir uns mit musealen Albträumen…!

 

Thomas Rowlandson: Pferderennen (Detail), 1790, Metropolitan Museum, New York | Jacopo da Valenza nachgewiesen: Auferstehung Christi (Detail), 1478-1509, Museo Castellvecchio, Verona | Benaglio (ca. 1432-82 oder 92): Madonna mit dem Fächer, ebd. | Cima da Conegliano: Hl. Rochus, Hl. Antonius Abbot, Hl. Lucia (Detail), 1513, Metropolitan Museum, New York | Meister der Münchner Marientafeln: Jungfrau mit Kind, einem Stifter und St. Hieronymus (Detail), ca. 1450, ebd. | Abraham Evertsz. van Westerveld (1650-1692): Porträt von Lieutenant-Admiral Cornelis Tromp in römischem Kostüm, ebd. | Hans Süss von Kulmbach: Auferstehung Christ (Detail), 1513, ebd.| Paul Cézanne:  Sitzender Bauer, 1892-96, ebd. | Franciscus Antonius Beersmans (1866-1902): Die wendigen Kuriere, ebd.

2 thoughts on “Gestatten – Echt schlecht

  1. Diesen Beitrag habe ich mir doch tatsächlich mehrere Male zu Gemüte geführt! Beim ersten Lesen fand ich ihn gegenüber den armen Künstlern, die sich mit der Perspektive so gequält haben, schon fast herabwürdigend. Erst bei mehrfachem Lesen, auch zwischen den Zeilen bin ich zu einer anderen Meinung gekommen und finde ihn eben locker und unterhaltsam. Und er weist deutlich auf die Problematik der Umsetzung der Dimensionen hin, die heute noch jeden Zeichner und Maler zu Schaffen machen. Zur Ehrenrettung und Motivation der heutigen Künstler kann ich nur feststellen, dass es auch die verunglückten historischen Werke in eine Sammlung oder gar in ein Museum geschafft haben!
    Viele Grüße
    Philipp

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