Gestatten – Museale Albträume

Gestatten - Kunst!

 

Die Arbeit an einem Museum ist schön. Anstrengend, aber schön. Man arbeitet im Team an der Realisierung einer Ausstellung, jeder ist wichtiger Teil eines größeren Ablaufs, bei dem im Idealfall alle Aufgaben flüssig ineinandergreifen. Auf der Zielgeraden zur Eröffnung werden nochmal alle Kräfte gebündelt. Die Vernissage erlebt man dann mit einer Mischung aus Euphorie und Erschöpfung. Dann muss man das Kind laufen lassen und hoffen, dass es nicht in den Brunnen fällt. Alle Dropse sind gelutscht, alle Kühe vom Eis, der Käse gegessen. Meistens geht alles gut.

Meistens. Und wenn nicht? Es gibt diverse Szenarien zwischen Peinlichkeit und Katastrophe, die Verantwortlichen den Kortisolspiegel nach oben treiben. Von einigen will ich heute berichten [wobei ich jetzt schon ahne, dass ich aus dem Thema eine Beitragsserie machen könnte…]. Fangen wir bei vergleichsweise harmlosen Fällen an, die es im Nachhinein in den lustigen Teil der Museumsanekdoten geschafft haben.

Damals (mit Timbre zu sprechen), als ich noch eine junge, unbeschlagene Studentin war, arbeitete ich bei einer großen historischen Ausstellung als Aufsicht und Führerin. Darüber erfuhr ich von diesen zwei Begebenheiten, die sich beim Aufbau der Ausstellung zugetragen hatten:

1. Museen sind immer gerne bereit, anderen Häusern Leihgaben zur Verfügung zu stellen. Zum einen will man ja selbst vielleicht auch mal etwas ausleihen, zum anderen erhört es den Wert der eigenen Sammlung, wenn ihre Stücke begehrt sind. Entsprechend stolz sind die Kuriere, die die Objekte vom Heimat- ins Zielmuseum begleiten, ihre Schätze im Letzteren zu präsentieren und die Leihnehmer in Verzückung zu sehen. Nicht so bei einem sog. Aquamanile*, das aus einem französischen Museum angeliefert worden war. Die freudige Aufregung über das Stück wich nach dessen Herausnahme aus der Kiste betretenem Schweigen. Keine Frage: ein schönes Teil. Aber nicht das, was man bestellt hatte. Nun kann man sagen, dass es doch gehopft wie gesprungen ist, ob das Ding nun so eins oder so eins ist. Fällt doch dem Besucher nicht auf. Aber ausgerechnet dieses Gefäß zierte den Katalog ebenso wie sämtliche Druckprodukte zur Ausstellung, vom Poster bis zum Infoflyer. Und glaubt mir: Irgendeinen Klugscheißer gibt es IMMER, der das einem dann unter die Nase hält! Also, Objekt wieder eingepackt und nach Frankreich zurück. Beim zweiten Versuch hat es dann geklappt.

[*Aquamanile, das: von aquaWasser und manusHand. Ursprünglich eine Erfindung des Orients, war das A. ein mit Wasser gefülltes Gefäß, aus Bronze oder Keramik, meist in Form eines Tieres, das man an der mittelalterlichen Tafel bei „Reichens“ zum Händewaschen benutzte. Unbedingt ein Wort für Euren Kunstexpertenwortschatz]

2. Das Aquamanile war wenigstens noch klein und handlich gewesen. Entsprechend war zumindest der Trageaufwand gering. Ganz anders beim Modell einer riesigen Burganlage, das aus Gips gegossen und entsprechend sehr schwer war (genaue Angaben fehlen mir hier, aber es war wirklich sehr schwer!). Deswegen musste es auch absolut waagerecht transportiert werden, um nicht an seinem eigenen Gewicht zu zerbrechen. Nun sind große, schwere Objekte für Kunsttransporteure nichts Ungewöhnliches. Aber der Teufel ist bekanntermaßen ein Eichhörnchen und so kam es, dass das Modell sich zwar ganz unzickig bis zur Museumstür bringen ließ. – Der fehlte es dann aber an wenigen Zentimetern Breite. Hatte da etwa jemand bei der Angabe der Maße gemogelt? Natürlich nicht. Aber einen Zahlendreher eingebaut. Mit dem (falsch) angegebenen Maß hätte die Burg gerade eben so durch die Tür gepasst (die natürlich zuvor ausgemessen worden war), aber in Realo waren es dann eben ein paar Millimeter zu viel. Das Burgmodell war eines der Highlights der Ausstellung, es musste musste MUSSTE einfach irgendwie ins Museum kommen! Nun sind dessen Räume glücklicherweise mit einem weiteren Gebäude verbunden. An diesem fand sich dann ein Eingang, der gerade eben die nötigen Millimeter mehr hatte. Mit der Präzision eines Uhrmachers (nicht dran zu denken, wenn sich das Ding verkeilt hätte!) wurde dann die Gipsburg dort hineingetragen und landete so über Umwege doch noch an ihrem Platz.

3. Eines der Dinge, die man als Volontärin im Museum lernt, ist der richtige Umgang mit Objekten. Handschuhe sind in den allermeisten Fällen ein absolutes Muss, wenn man innerhalb des Hauses ein Objekt transportiert. Und egal, wie weit ein Exponat wandern soll, sei es nur in den Nebenraum: Es wird IMMER, durch Papier (säurefrei!) stabilisiert, auf einen Rollwagen gepackt. Der hat keine Füße, über die er fallen kann und keine Hände, die plötzlich loslassen. Ich hatte damals (s.o.) das große Vergnügen, mit meiner Kollegin und Mit-Volontärin die Jugendstil- und Art Deco-Abteilung des Hauses neu einrichten zu dürfen. Es gab jede Menge Porzellan, Glas, Holz. Im Vergleich  unempfindlich erschien hingegen eine breite Bronzeplatte mit minimalistischem aber wirkungsvollem Dekor. Wir waren schon gewohnt, konzentriert und in Zeitlupe zu arbeiten, Kannen, Tassen und ähnliches eben nicht am Henkel (Abbrechgefahr!), sondern am Boden und den Seiten zu fassen und überhaupt jedes Stück wie ein rohes Ei zu behandeln. Auch die besagte Platte. Beim Einräumen in die Vitrine gab es plötzlich trotzdem ein lautes „Klong!“. Wir hatten vergessen, die Vitrine zu öffnen und so knallte das Objekt gegen die unsichtbare Glasfront! Zum Glück kamen weder Vitrine noch Platte zu Schaden, aber danach haben wir immer erst mit dem Ellenbogen vorgefühlt, ob da noch eine Scheibe im Weg ist…

4. Glas kann aber auch kaputt gehen, ohne dass man es falsch behandelt. „Dann klappt´s auch mit dem Nachbarn“ – kennt Ihr diesen Werbespruch noch? Wie die Kalkschicht am Weinglas der Albtraum des Laien ist, so ist es für den Museumsmenschen die Glaskrankheit, auch Glaspest oder -brand genannt. Durch sie kann auch das bestbehütetste Objekt zerstört werden. Es fängt ganz harmlos damit an, dass das Glas sich eintrübt (was durch das Herauslösen von Oxiden hervorgerufen wird), und irgendwann kann es sein, dass man statt eines Gefäßes nur noch ein Häuflein Glasstaub im Depotschrank vorfindet…

5. Eine der größten Gefahren für Objekte im Museum ist, ich muss es leider sagen, der/die Besucher*in. Die allermeisten benehmen sich top, keine Frage. Aber zwei Altersgruppen werden von Aufsichten zu Recht besonders beäugt, wenn sie durch die Museumsräume ziehen. Das sind 1.) Teenager und 2.) Senioren (und hier muss ich entsprechend meiner Erfahrung allein die maskuline Form stehen lassen). Erste Gruppe ist von Natur aus (Stichwort Hormone) dazu gemacht, gegen Regeln und Normen zu verstoßen. Wenn man ihnen also sagt: „Bitte nicht anfassen!“, löst das bei ihnen sofort einen Greifreflex aus, gepaart mit dem untrüglichen Instinkt für den Moment, an dem die Aufsicht mal kurz nicht hinguckt. Die zweite Gruppe neigt besonders dazu, Gegenstände, die einst zum alltäglichen Gebrauch verwendet wurden, auf ihre jetzige Nutzbarkeit hin zu überprüfen. Mit dem Gehstock wird dann gerne mal durch Abklopfen getestet, ob die 800 Jahre alte Holztruhe denn wirklich noch so robust ist, wie sie tut (oder doch zu Staub zerfällt), alte Messinstrumente (ok, es waren nachgebaute Modelle, aber TROTZDEM!!!) trotz Hinweis ausprobiert. Hinzugekommen sind in den letzten Jahren die Selfie-Knipser, die mehr in die Linse ihres Smartphone starren, als auf die Kunst um sie herum. Da passiert es dann schon mal, dass man in ein Bild fällt oder eine wertvolle Statue umstößt

Ja, ich weiß, ich bin sehr streng und empfindlich, was Museumsobjekte betrifft. Aber auch der kleinste, unscheinbarste Gegenstand ist ein Kulturträger. Seine Schäden oder sein Verlust geschehen leise und unbemerkt, keine Fernsehteams aus aller Welt berichten darüber, kein Milliardär spendet Unsummen für seinen Erhalt, kaum einer weint. Trotzdem vertritt er genauso gut seine Zeit, seine Epoche. Und wenn er schon so lange Zeit überlebt hat, müssen ja nicht unbedingt wir es sein, die ihm den Todesstoß versetzen…

10 Dinge, die Kunst macht… gibt es beim nächsten Mal zu lesen!

Laurede (nach Heinrich Füssli): Der Nachtmar (Detail), 1782, Metropolitan Museum, New York | Heinrich Linzen: Gretchens Verzweiflung, frühes 19. Jh, Goethehaus Frankfurt | Aquamanile in Form eines Löwen, um 1200, Metropolitan Museum, New York | Gipsmodell des Krak des Chevalier, gefunden auf: croisades.espaceweb.usherbrooke.capolicy.htm | Émile Gallé: Stangenvase mit Schuppenwurz und einem Vers von Victor Hugo, um 1899,  Museum für Kunst und Gewerbe | Vase mit Glasbrand, spanisch-römisch, Museo de Valladolid, Foto: Luis Fernández García/Wikipedia | Thomas Rowlandson: Ausstellungstreppe, 1811 (?), Metropolitan Museum, New York

1 thought on “Gestatten – Museale Albträume

  1. Das war spannend zu lesen und ich kann nachvollziehen, dass es Situationen gibt, die den Adrenalinspiegel nach oben treiben. Bei meiner Fotografieauststellung habe ich auch zwei historische Holzkameras von 1890 und 1910 ausgestellt und musste feststellen, dass irgendein neugieriger Besucher versucht hat, die Mattscheibe hochzuklappen und beim Herunterlassen den Holzrahmen verkantet hat. Ist auch zum Glück noch einmal gutgegangen.
    Viele Grüße
    Philipp Nickerl

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