Gestatten – Von St. Sixpack und dem heiligen Hüftschwung

Gestatten - Kunst!

Kunst und Nacktheit – das gehört so fest zusammen wie Luft und Atem, Bienen und Blümchen, Ernie und Bert. Es gibt so unendlich viele Darstellungen von leicht bekleideten Göttern und Göttinnen, Adams und Evas, pummeligen Putti, königlichen Mätressen usw., dass es vermutlich leichter wäre, mal kurz die Sterne am Himmel durchzuzählen als sie. Nacktheit in der Kunst früherer Epochen treibt heute wohl kaum noch jemandem den Puls hoch.

Anders verhält es sich, wenn es um zeitgenössische Artefakte geht. Und ganz anders, wenn diese dann noch Personen zeigen, bei denen sich eine freizügige Darstellung scheinbar ganz automatisch verbietet. Oder besser gesagt: mit einem Tabu belegt ist. Spitzenreiterin des tabuisierten Körpers ist ganz klar Maria (genau, DIE). Hierzu ein recht aktuelles Beispiel:
Im letzten Jahr (2018) sollten in der kleinen Hamburger Gemeinde St. Ansgar sieben großformatige Fotografien von Julia Krahn im Altarraum ausgestellt werden. Die Künstlerin hatte in ihrer Serie „33MM (Maria Magdalena)“ Frauen und Mütter mit ihren Babys porträtiert, die sich in ihrer Kleidung und Körpersprache an christliche Bildmotive anlehnten. Scheinbar hatten die Verantwortlichen der Kirchengemeinde sich vorab nicht mit der Künstlerin und ihren Arbeiten beschäftigt. Als sie dann sahen, was da gezeigt werden sollte, wurde ganz schnell die Reißleine gezogen und die Schau kurzfristig abgesagt. Begründung: Frauen! Brüste!! Nackte Kinder!!! Das ginge nicht, befand man. Sowieso nicht und schon gar nicht in Zeiten von #metoo und Kindesmissbrauchsproblematik in der Kirche. Aber man war zum Kompromiss bereit: die entsprechenden Stellen könnten ja verpixelt werden. Die Künstlerin lehnte (nicht dankend) ab.

Ob die Verantwortlichen von St. Ansgar wohl diese Madonna kennen (ich zeige sie hier absichtlich nicht direkt, wegen der Wirkung 😊)?
https://bit.ly/2lZ2HSv
Maria als aufreizender, domina-artiger Vamp mit Brüsten, die aussehen, als hätte ein „Schönheits“-Chirurg ihr eineinhalb Honigmelonen auf die Schlüsselbeine montiert! Und die linke dabei so nackt, wie das Kind auf ihrem Schoß! Ich schätze, dieses Bild hätte es bei einer heutigen Ausstellung im Kirchenkontext mindestens ähnlich schwer, wie die oben besprochenen Bilder. Dass den zeitgenössischen Künstler aber auch so gar nichts mehr heilig ist! – mag manche*r denken.

Wer dies tut, den kann ich beruhigen. Bei dieser Madonna handelt es sich um ein solides Werk historischer Malkunst. Kaum zu glauben, aber das Bild ist fast 570 Jahre alt. Und es hing damals nicht irgendwo versteckt im Schlafgemach eines masochistisch veranlagten Lustmolchs. Ursprünglich war es Teil eines Diptychons (hier nochmal das ganze Bild), der in einer Kapelle der Kirche Notre-Dame in Melun über dem Grabmal der Ehefrau des Auftraggebers hing. Und das ganz ohne Verpixelung!

Nun ist die Fouquet-Madonna, ich muss es zugeben, auch unter ihren Zeitgenossinnen durchaus eine Ausnahme, was ihre Qualitäten als Sexbombe betrifft. Was jedoch die Darstellung Mariens mit entblößter Brust angeht, so ist sie in der langen Tradition der Kunst nicht nur keine Ausnahme, sondern gehört sogar zu einem festen Bildtypus von Mariendarstellungen: der sogenannten Maria lactans (die milchgebende/stillende Maria). Gebt den Begriff mal in die Suchmaschine Eures Vertrauens ein und klickt auf den Reiter „Bilder“. Ihr werdet Unmengen von Kunstwerken aus verschiedenen Jahrhunderten angezeigt bekommen, die Maria mit teils oder voll entblößter Brust zeigen (je nachdem, ob das Christuskind gerade säugt oder nicht). Auch für die Darstellung eines nackten Jesus-Babys gibt es zigfache Beispiele. Und heute, in unserer angeblich so aufgeklärten Zeit, sollen solche Bilder ein Problem sein? Wenn weibliche Sinnlichkeit und kindliche Körperlichkeit sofort Panikreaktionen auslösen, weil beides reflexartig nur noch den sexuellen Extremen von Pornografie und Pädophilie zugeschrieben wird, dann wird die Reaktion darauf zwangsläufig ebenso extremen enden, nämlich in der vollständigen Tabuisierung des Körpers. Vom freien, unverkrampften Umgang mit dem Thema sind wir dann weiter weg als das scheinbar so prüde Mittelalter.

Aber nun will ich meinen mahnenden Zeigefinger senken und den Fokus wieder auf die Kunst legen. Die vielen stillenden Marien sind zwar barbusig, aber in den allermeisten Fällen nicht erotisch. Nun würde man der Kirche, die ja lange Zeit Hauptauftraggeberin der Kunst und vor allem für Bilder aus dem christlichen Kontext war, wohl generell eher nicht zuschreiben, dass sie eine Freundin der erotischen Wiedergabe von Körpern (gewesen) ist. Anders, als in der griechisch-römischen Götterwelt mit einem geradezu sexbesessenen Göttervater (Zeus/Jupiter), seinen knapp bekleideten Töchtern, gut gebauten Söhnen und den zahlreichen Wer-mit-wem-Geschichten, scheint die christliche Bildwelt mit ihrem per se zölibatär lebenden Personal und ihren grausigen Martyrien keinen Stoff für reizvolle Körperdarstellungen zu bieten.

Doch ist auch die christliche Kunst ist immer ein Kind ihrer Zeit gewesen. Im Barock, der für die Huldigung irdischer Sinnesfreuden bekannt ist, boten gemalte und gemeißelte Figuren durchaus einen Augenschmaus. Was in der Renaissance „nur“ schön gewesen war, wurde jetzt sexy. Selbst der heilige Sebastian, von Pfeilen durchbohrt, sieht mit seinem durchtrainierten Body und dem anmutig-geschmeidigen Hüftschwung nun mehr aus, wie ein Model fürs Men´s Health-Cover als wie ein gemarterter Sterbender. Bei Johannes dem Täufer denke ich in erster Linie immer an den verzottelten Wüstenmann im Kamelhaarmantel (wo man nicht weiß, welche Zotteln nun zum Bart und welche zum Mantel gehören) und frage mich automatisch, wie der wohl gerochen hat. Aber in der Version als fast noch knabenhaft junger Mann mit viel Haut statt Körperbehaarung, denke ich an ganz andere Sachen.

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Selbst Jesus entging dem barocken Trend nicht. Der, dem man in kirchlichen Kreisen nicht mal eine Beziehung mit Maria Magdalena gönnte, und der laut Überlieferung mehr durch Worte und Wunder denn durch gutes Aussehen die Menschen in seinen Bann zog, bekam nun eine Optik verpasst, die eine_n – bei entsprechender Vorliebe für Muskeln – durchaus in Wallung bringen kann. Fast schon übertrieben gutaussehend, mit frisch ondulierten Locken und keckem Hütchen, erscheint er auf einem Stich von Aegidius Sadeler, die Gartenschaufel lässig an den durchmodellierten Oberkörper gelehnt. Bei so viel geballter Männlichkeit bleibt Maria Magdalena glatt der Mund offen stehen. Und dann heißt die Szene auch noch „Noli mi tangere“ (Berühre mich nicht), was sie bestimmt gerne getan hätte. Die Grafik beruht auf einem Gemälde Bartholomäus Sprangers, das wenige Jahrzehnte vorher entstanden war. Darauf ist Jesus noch der zwar etwas gestrenge, aber hübsche, sittsam gekleidete Gärtner von nebenan. Da kann man mal wieder sehen, wie schnell Moden sich ändern!


Wie wir es schon beim heiligen Sebastian gesehen haben, verpassten die barocken Künstlern Christus auch dann noch ein gutes Aussehen, wenn er am Kreuz hing oder davon abgenommen worden war. Entschuldigung, aber bei dem hier abgebildeten Kruzifix kann man doch gar nicht anders, als mit dem Blick am Lendentuch haften zu bleiben! Weil man sich fragt, wie lange das noch am Körper haften bleibt, so lose, wie das da um die geradezu weiblich geschwungenen Hüften hängt! Und wüssten wir nicht, dass er tot ist (und würden uns die Beifiguren wegdenken), liegt er auf dem Bild nicht hingegossen da wie ein schlummernder Adonis?

Wir sehen: Was als provokant, schamlos, vielleicht sogar als blasphemisch empfunden wird, hat viel mehr mit dem aktuellen Zeitgeist denn mit tradierten, kulturell verwurzelten Moralvorstellungen zu tun. Wir lachen heute gern über die übertriebene Schamhaftigkeit früherer Epochen – und regen uns gleichzeitig über vermeindliche Grenzüberschreitungen auf, die vor 500 Jahren niemand als solche empfand. Gut, dass es der Kunst gelingt, immer mal wieder an unserer Vorstellung von der eigenen Fortschrittlichkeit und Aufgeklärtheit zu rütteln…

Beim nächsten Mal… geht es um einen großen Streit der Künste. Wer ist die Beste? Malerei oder Bildhauerei?

Nicolas Bazin: Maria Lactans mit Engeln, nach Correggio, 1643 – 1710, Rijksmuseum Amsterdam | Unbekannt: Jungfrau mit Kind (Madonna Lactans), um 1500, ebd. | Unbekannt: Heiliger Sebastian, italienisch, 17. Jahrhundert, Metropolitan Museum of Art, New York | Unbekannt:  Der junge Johannes der Täufer, um 1625–30, ebd. | Aegidius Sadeler: Christus erscheint als Gärtner Maria Magdalena (Noli mi tangere), nach Bartholomäus Spranger (um 1600?), 1580 – 1629, Rijksmuseum | Unbekannt: Kruzifix, deutsch oder flämisch, 17. Jahrhundert, Metropolitan Museum | Domenichino (Domenico Zampieri): Die Beweinung Christi, 1603, ebd.

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