Gestatten – Wer ist die Schönste…?

Gestatten - Kunst!

Es war einmal eine Familie mit vielen vielen Kindern. Jedes von ihnen war auf seine eigene Weise musisch begabt. Eines Tages – man weiß nicht wie – brach unter den Geschwistern ein Streit darüber aus, wer von ihnen die/der Beste von allen sei. Tage um Tage, Wochen um Wochen vergingen, in denen sich die Brüder und Schwestern in Eigenlob ergingen und sich gegenseitig Schmähungen an den Kopf warfen. Die meisten von ihnen wurden des Streitens irgendwann müde. Aber zwei Schwestern, ausgerechnet zwei der Älteren, von denen man mehr Verstand und Großmut erwartet hätte, konnten nicht aufhören, sich gegenseitig anzugiften. Die eine war Malerin, die andere Bildhauerin. Die Erste hielt sich für die Beste, weil sie die Welt bis ins Kleinste genau wiedergeben konnte. Und nicht nur das, es war ihr außerdem möglich, den Eindruck von Tiefe zu erzeugen. Die Zweite beschimpfte die Erste daraufhin als Illusionistin, die den Betrachtern etwas vorgaukle. Bei ihr selbst hingegen sei alles echt, weil greifbar und von allen Seiten anzuschauen – und damit viel näher an der Realität als ein plattes Bild. Über hundert Jahre verbissen sich die zwei in ihren Streit (die anderen Geschwister konnten das Gezänk schon nicht mehr hören). Dann wurden sie wohl tatsächlich vernünftiger und der Streit versiegte. Doch hier und da, wenn sie auf Familienfeiern aufeinandertrafen, konnten sie es doch nicht lassen, ihren Konkurrenzkampf neu anzufachen. Und wenn sie nicht gestorben sind, so kabbeln sie sich bis heute…

Wie in jedem Märchen, so steckt auch in diesem ein wahrer Kern. Der Streit, der hier beschrieben ist, ist in die Kunstgeschichte als sogenannter Paragone eingegangen. Der Kampf um den Platz als Königin aller Künste hatte zwischen den einzelnen Gattungen wie bildender Kunst, Dichtung, Musik etc. schon lange geschwelt, aber Mitte des 15. Jahrhunderts ging es richtig rund, vor allem in Italien. Und vor allem zwischen den Vertretern der Malerei und der Bildhauerei.

Warum aber hatten gerade diese beiden „Schwestern“, wenn sie doch beide mit so viel Talent gesegnet waren, sich derart aufeinander eingeschossen? Warum hat sich nicht jede auf sich selbst konzentriert und stattdessen immer noch nach der anderen geschielt?



Höhle Malerei

Blättern wir in der Geschichte der Kunst zurück an den Anfang, landen wir bei den Höhlenmenschen, die die Wände ihrer Behausungen mit phantastischen Zeichnungen von Wildtierenschmückten. Doch haben unsere Vorfahren die Wände nicht allein als Untergrund für ihre Darstellungen gesehen. Sie haben sich natürlich gegebene Auswölbungen zunutze gemacht, um den darauf abgebildeten Tieren mehr Plastizität zu verleihen. Neben den gemalten finden sich in manchen Höhlen auch geritzte Zeichnungen. Sozusagen Vorgänger von Reliefs. In ihrer Baby- und Kleinkindzeit waren zwei und dreidimensionale Kunst also so eng miteinander verbunden wie siamesische Zwillinge.

Und so ging es auch lange weiter: Holzskulpturen, egal ob früh-, hoch-, oder spätmittelalterlich, sind ohne Bemalung gar nicht denkbar. Weniger bewusst ist uns heute, dass auch die Portale der gotischen Kathedralen früher häufig bemalt waren (die Farbe ist heute ab, und wir kennen es nicht anders). – Welchen Eindruck muss das auf die Menschen damals gemacht haben, wenn die lebensgroßen und -nahen Figuren beim Eintritt in das Innere auf sie herabschauten!

Aber andersherum sehen wir auf Tafelbildern aus dieser langen Epoche auch, dass allein Farbe den Malern für ihre Darstellungen nicht reichte: Gerne umrahmten sie ihre Heiligenfiguren mit architektonischen Elementen, die reliefartig hervorgehoben waren. Einzelne Partien, wie beispielsweise Heiligenscheine, wurden punziert, also – ähnlich wie beim Treiben von Metall – plastisch modelliert. Und so ging es lange weiter – bis dann eben der Paragone ausbrach.


Ich glaube ja, Malerei und Bildhauerei waren damals in der Pubertät. Nachdem sie in Kindertagen unzertrennlich gewesen waren, wuchs in dieser Zeit bei beiden das Bedürfnis nach Individualität und Abgrenzung. Alles, was sie einander verbunden hatte – und das war ja viel – musste abgeschüttelt werden. Und das natürlich möglichst so, dass man als Gewinnerin, als die Beste von beiden, hervorging. Und der anderen zeigte: Ich brauche Dich nicht. Tatsächlich gelang es beiden ganz gut, sich voneinander unabhängig zu machen. Die Skulptur verließ sich ab der Renaissance größtenteils ganz auf die Schönheit von Material und Form. Und die Malerei schuf Bilder, die Marmorskulpturen so täuschend echt aussehen ließ, dass man sich tatsächlich fragen konnte, wozu man echte Steinfiguren überhaupt noch brauchte.

Zum Glück sind Malerei und Bildhauerei irgendwann erwachsen geworden. Nachdem sie sich jeweils bewiesen hatten, dass sie auch ohne die andere sein konnten, und das Selbstbewusstsein gegenüber den eigenen Fähigkeiten gestiegen war, stand einem entspannten Verhältnis nichts mehr entgegen (bis auf die ein oder andere Kabbelei auf Familienfeiern). Und sie haben auch wieder angefangen, gemeinsam zu arbeiten. Und wenn sie nicht gestorben sind, so stehen sie bis heute zusammen im Atelier.



Beim nächsten Mal… bin ich faul und Ihr dürft fremdgehen.

Guercino: Allegorie der Malerei und der Bildhauerei, 1637, Galleria Nazionale d’Arte Antica, Rom | Madonna mit Kind, französisch, um 1340, Metropolitan Museum of Art | Andrea di Cione: Triptychon mit Maria und Kind, Sst. Maria Magdalen und Ansanus, 1350,  Rijksmuseum, Amsterdam | Gian Lorenzo Bernini: Apollo und Daphne, 1622-25, Galleria Borghese, Rom | Jurriaan Andriessen: Wandmalerei mit Personifikation des Friedens, 1786, Rijksmuseum

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.