Gestatten – Ismen-Invasion!

Gestatten - Kunst!

Realismus, Fauvismus, Impressionismus, Historismus, Klassizismus, Nachimpressionismus, Pointillismus, Expressionismus, Futurismus, Konstruktivismus, Kubismus, Vortizismus, Neoplastizismus, Suprematismus, Verismus, Tachismus, Symbolismus, Cloisonismus, Synthetismus, abstrakter Expressionismus, kapitalistischer Realismus, Kubofuturismus, Vortizismus, Dadaismus, Surrealismus, Lettrismus, Situationismus.

Alles klar?

Mmmh, nein. Und gerade, weil zu dieser Zeit Unklarheit herrschte, tauchten in der Kunst um 1850 die ersten Ismen auf – um sich in den Jahrzehnten danach zu vermehren wie die Kaninchen. Woran lag das?

Alles nur geklaut

Irgendwie wusste man nicht mehr weiter. Ob Architektur, Bildhauerei oder Malerei – gefühlt war alles schonmal da gewesen. Es schien, als sei man am Ende jeglicher künstlerischen Entwicklung an-, die Muse abhandengekommen und die Quellen der Inspiration versiegt. Ein paar Jahrzehnte behalf man sich noch damit, einfach alle vorherigen Kunstformen noch einmal durchzunudeln. Der Klassizismus (ca. 1770-1840) griff dabei inhaltlich wie stilistisch auf die griechische und römische Antike zurück. Im anschließenden Historismus (Hauptzeit von ca. 1850 bis 1918) nahm man sich vor allem die Architektur vergangene Zeiten zum Vorbild und baute von der Romanik über die Renaissance bis zum Rokoko nochmal alles nach. – Wobei man die einzelnen Stilelemente gerne miteinander vermischte. (Ein bekanntes Beispiel dafür ist Schloss Neuschwanstein).

Die Kunst und ihre Künstler standen am Scheideweg. Dabei gingen ihre Reaktionen in zwei Richtungen, die im Angesicht von Krisen insgesamt typisch menschlich sind: Die einen klammerten sich ans Alte, Bewährte. Die anderen wollten sich genau davon befreien und gänzlich neue Wege gehen. Für den ersten Weg standen die Kunstakademien: Hier war man bis zum Ende des 19. Jahrhunderts noch ganz dem Klassizismus verpflichtet. Kunst sollte der Erbauung dienen, vollkommen, sowie pädagogisch wertvoll und vorbildlich sein, indem sie Heldentum, Pathos und Edelmut propagierte (als wichtigster Stellvertreter sei hier der französische Maler Jacques-Louis David genannt). Statt die Realität abzubilden, wurden Mensch und Welt idealisiert. Von dieser „Schönfärberei“ hatten im Laufe des 19. Jahrhunderts jedoch immer mehr Maler die Schnauze voll. Als einer der ersten machte sich Gustave Courbet (1819-1877) auf, neue Wege zu beschreiten. Er wollte die Welt zeigen, wie sie wirklich war, ungeschönt und realistisch – weshalb er zum „Erfinder“ des

Realismus (im hiesigen Sinne ab ca. 1850 bis heute)

wurde. Seine Bilder – wie „Die Steineklopfer“ (1849), „Ein Begräbnis in Ornans“ (1849-50) oder „Mittagsrast während der Heuernte“ (1867) – hatten nichts Heroisches oder Idealisiertes. Sie zeigen harte Arbeit, Profanität, einfache Menschen. Auf dem Gemälde mit dem Titel „Bonjour, Monsieur Courbet“ (1854) hält der Maler eine Begegnung zwischen ihm und seinem Gönner Alfred Bruyas auf einer Landstraße fest. (Der Titel verrät viel über das Selbstvertrauen des Künstlers – der gesellschaftlich höher gestellte Banker grüßt als Erster und sein Diener verbeugt sich sogar leicht vor ihm.) Der Künstler trägt seine Malutensilien mit sich – ein galanter Übergang zum nächsten Ismus, dem

Impressionismus (Blütezeit ab ca. 1870 bis in die 1910er Jahre, nie ausgestorben)

Den Namen verdankt diese Strömung dem Bild „Impression, Sonnenaufgang (Impression soleil levant)“, 1872 von Claude Monet (1840-1926) gemalt. Der Name verrät, um was es den Impressionisten ging: Den unmittelbaren Eindruck dessen, was sie wahrnahmen, in ihrer Malerei wiederzugeben. Statt sich im Atelier einzugraben, zog man dafür, wie wir es bei Courbet gesehen haben, hinaus an die frische Luft – weshalb man auch von Pleinair-Malerei spricht. Möglich wurde diese direkte Übertragung des Gesehenen in ein Bild durch Innovationen wie transportable Staffeleien und vor allem Ölfarben in Tuben. Für Pariser war das erste Ziel dabei der Wald von Fontainebleau. Und nicht nur professionelle Maler ließen sich dort nieder. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob es von Monet stammt, aber es gibt ein schönes Zitat eines Malers, der sich sehr darüber beschwert, dass man an Wochenenden keinen Meter mehr laufen könne, ohne nicht über eine Staffelei zu stolpern. Nachdem es die Impressionisten erst zu Empörung, dann zu Erfolg gebracht hatten, schien es in der Kunst kein Halten mehr zu geben. Die Künstler hatten an Vertrauen gewonnen, ganz nach ihrer „Fasson“ zu malen und zu experimentieren. Aus dem Impressionismus entwickelte sich u.a. der

 

Pointilismus (Blütezeit zwischen 1889 und 1910)

Hier bestehen die Bilder aus lauter kleinen Punkten. Die Maler (Hauptvertreter waren Paul Signac und Georges Seurat) setzten sich stark mit Farblehren auseinander, also der Wirkung von Farben und Farbmischungen untereinander. So kann beispielsweise der selbe Rotton neben einem Blau- anders wirken als neben einem Grünton.Ähnlich wie akustische Töne erst durch die Zusammenstellung eine Melodie ergeben, ergibt sich im Pointillismus also aus den Farbtönen das Gesamtbild mit Figuren, Kontrasten, Tiefe etc. Wesentlich großflächiger ging es zu im

 

Kubismus (ab 1906, löste sich in seiner ursprünglichen Form 1914 auf)

Als Vorbild für den Kubismus wird oft Paul Cézanne bzw. ein Zitat von ihm genannt. Dieses besagt, dass sich jegliche Figur, jeglicher Gegenstand aus einfachen geometrischen Formen zusammensetzen lasse. Noch radikaler als beim Impressionismus wendeten sich seine Vertreter (allen voran Pablo Picasso, Georges Braques und Juan Gris) von einer realitätsnahen Darstellung ab. Die Tiefenwirkung wurde vollends aufgegeben, Nuancierungen und Schattierungen durch monochrome, über- und nebeneinanderliegende Flächen ersetzt. Kubistische Bilder sehen oft aus wie Collagen oder als würden sie von einem zerbrochenen Spiegel reflektiert. Die Reflektion, diesmal des eigenen Inneren, war Thema des

 

 

Expressionismus (ab ca. 1910 bis um 1925)

War es beim Impressionismus noch darum gegangen, dass äußerlich Wahrgenommene als subjektiven Eindruck ins Bild zu fassen, ging es den Expressionisten darum, dem, was sie emotional bewegte, Ausdruck zu verleihen. Die Künstler wandten sich dafür noch stärker von der Idee einer realen Wiedergabe ab. Bei ihnen konnten Pferde auch schon mal blau sein (Franz Marc), Gesichter grün (EL Kirchner Link) oder auf die Darstellung von etwas Konkretem völlig verzichtet (Kandinsky).

Konstruktivismus (Anfang 20. Jh. bis in die 1920er)

Er nahm seine Anfänge in Russland und war dort auch am stärksten vertreten. Die Darstellung vom Gegenständlichen wurde hier vollständig aufgegeben. Wie der Begriff impliziert, wurde das Bild rein aus geometrischen Formen konstruiert, wobei mathematische Berechnungen zugrunde lagen (welche das waren – keine Ahnung). Es ging um das Austarieren von Proportionen, Farben, Flächen, Achsen, Linien etc. und ihre (Wechsel-) Wirkung. Wichtigste Vertreter waren u.a. Piet Mondrian, Kasimier Malewitsch und Hans Arp.

Vielfaltismus

Wie wir oben gesehen haben, ist die Ismen-Liste noch viiiiel länger. Einige von ihnen waren nur kurze Randerscheinungen. So kurz, dass ich den Verdacht habe, sie wären ohne den Ismus-Anhang längst in Vergessenheit geraten. Andere jedoch haben die Kunst dauerhaft revolutioniert und befreit. Wer heute an einer Kunstakademie studiert, soll seinen individuellen Stil finden und verfolgen. Natürlich gibt es weiterhin Trends – und Krisen. Doch das Spektrum der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten ist breiter geworden. Und das ist gut so. So hat jeder etwas, das ihm gefällt und etwas, über das er sich aufregen kann.

 

Beim nächsten Mal schauen wir weit nach oben.

Piet Mondrian: Komposition, 1921, Metropolitan Museum of Art, New York | Jacques Louis David: Tod des Sokrates, 1787, ebd. | Claude Monet: Die Bodmer Eiche im Wald von Fontainebleau, 1865, ebd. | George Seurat: Studie für Ein Sonntag am La Grande Jatte, 1884-85, ebd. | Juan Gris: Schachbrett und Spielkarten, 1911, ebd. | Wassily Kandinsky: Improvisation 27 (Garten der Liebe II), 1912, ebd.

 

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