Wie man Kunst professionell betrachtet.

Gestatten - Kunst!

Eine Anleitung in (fast) 10 Schritten

Vor einer sehr langen Weile hat das Magazin der Süddeutschen Zeitung in seiner Reihe Sagen Sie jetzt nichts – Ein Interview ohne Worte den ehemaligen Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert porträtiert. Unter anderem wurde er gefragt: „Wie betrachtet man die Mona Lisa, ohne als Kunstbanause zu gelten?“. Wickert setzte als nonverbale Antwort eine Lesebrille und dazu eine Miene auf, die eine vollendete Mischung aus Kennerschaft, Scharfblick, Überheblichkeit und Achtung war. Das Foto habe ich leider nicht ausfindig machen können, aber es ist mir, wie Ihr merkt, in deutlicher Erinnerung geblieben. 

Tatsächlich erlebe ich in Gesprächen immer wieder, dass es gegenüber Kunst eine eigenartige Verklemmtheit, eine Scheu gibt, die daher zu rühren scheint, dass interessierte „Laien“ denken, sie müssten sich erst richtig richtig richtig gut damit auskennen, um sie angemessen betrachten zu können. Um Euch von diesem beklemmenden Gefühl zu befreien, hier, ganz exklusiv, die einzigartige, von mir entwickelte 9-Schritte-Methode, mit der Ihr schnell und effizient zu professionellen Kunstbetrachtern werdet:

Neugier1. Seid neugierig

Wenn Euch Kunst null interessiert, Ihr sie überflüssig oder unsinnig findet, dann verschwendet nicht Eure Zeit mit ihr. Da Ihr aber diesen Blog lest, gehe ich davon aus, dass Ihr mehr über Kunst wissen wollt.
> Wenn Ihr neugierig seid, ist der wichtigste Schritt schon getan.

2. Nutzt Euren Vorteil

Leute wie ich (sog. Experten) bekommen sofort Panik, wenn sie ein Kunstwerk sehen. Unsicherheiten gegenüber der stilistischen Einordnung, der Bedeutung seiner Symbolik etc. führen zu Versagensängsten mit den typischen Symptomen wie Herzklopfen, Schwitzen, allgemeinem Unwohlsein usw.
> Genießt Euren Vorteil, Kunst ganz entspannt betrachten zu können.

3. Bleibt locker

Mir ist bisher kein Fall bekannt, bei dem ein Kunstwerk Schaden dadurch genommen hat, dass es betrachtet wurde. Denn es gibt beim Anschauen von Kunst kein richtig oder falsch. Wenn Ihr auch nichts über das Werk, den Maler oder die zeitliche Einordnung wisst: Es wird irgendwie auf Euch wirken.
> Der subjektive Blick auf Kunst ist anders, aber nicht falscher oder richtiger als der des Experten.

4. Wie es Euch gefällt

Es ist völlig legitim, ein Bild hässlich zu finden. Oder langweilig. Oder abschreckend. Kunst hat zum Glück nicht den Anspruch, allen zu gefallen. Schult Eure Wahrnehmung: Sucht Euch ein Bild, das Ihr mögt und eines, dass Euch überhaupt nicht gefällt. Versucht herauszubekommen, warum Ihr das eine Bild schön, dass andere schrecklich findet. Sind es die Farben, das Thema? Erinnert es Euch an etwas?
> Richtig ist, was Euch gefällt.

Diese vier Herren haben schon ihren ganz eigenen Blick für Kunst entwickelt…

5. Bleibt fair

Seid Euch bewusst, dass Euer Blick subjektiv ist. Akzeptiert, wenn ein Bild eine unangenehme Wirkung auf Euch hat – oder gar keine. Das hat weder mit fehlendem Wissen Eurerseits noch mit der Qualität des Werks zu tun.
>Was nicht gefällt, kann trotzdem qualitativ sehr gut sein. Und andersrum.

6. Bleibt wertfrei

Wertet weder Euer Empfinden noch das anderer. Kommt ins Gespräch. Was siehst Du, was ich nicht sehe? Was gefällt Dir, an was erinnert Dich das Bild?
> Auch bei Kunst sind die Geschmäcker verschieden, und das ist gut so.

7. Haltet die Augen auf

Kunst begegnet uns viel häufiger, als wir bewusst wahrnehmen: auf Plakaten für eine neue Ausstellung, in Skulpturen im Park. Darüber hinaus gibt es gute Sendungen über Kunst im Fernsehen und in den Mediatheken der Sendeanstalten (mein aktueller Favorit: Bilder allein zuhaus auf Arte) und – ganz einfach – im Internet. Schaut immer mal wieder rein, schult Euer Auge. Mit der Zeit werdet Ihr einen guten Blick bekommen; nicht nur dafür WAS Euch gefällt, sondern auch WARUM es Euch gefällt.
> Nutzt die Kunst der Stunde.

8. Habt Spaß

Kunstwerke verdienen unseren Respekt, auch die, die uns nicht gefallen, denn jemand hat sich Zeit und Mühe damit gegeben und etwas Einzigartiges geschaffen. Trotzdem müssen wir nicht vor lauter Ehrfurcht erstarren (bei jedem/r Euch haben sich immerhin gleich ZWEI Leute Zeit und Mühe gegeben :-)). Behaltet den Spaß an der Sache. Manchmal ist Kunst ­– gewollt oder ungewollt – auch einfach lustig (Ihr erinnert Euch an die Miniatur mit den 12 Aposteln…).
> Nehmt Kunst nicht so bierernst.

9. Zwingt Euch nicht

Natürlich hoffe ich, mit meinem Blog bei Euch die Begeisterung für Kunst zu wecken. Damit es kein Strohfeuer bleibt, dosiert Euren Kunstgenuss. Ihr hattet Euch vorgenommen, am Wochenende in eine Ausstellung zu gehen und habt dann doch keine Lust? Lasst es bleiben. Ihr seid in einer vielgelobten „Muss man gesehen haben“-Ausstellung und findet keinen Zugang zu den Werken? Ärgert Euch nicht – geht und genießt den Rest des Tages.
> Auch für Kunst gilt: Zu viel des Guten ist ungesund.

10. …. – Schreibt doch in den Kommentar, wie Ihr Kunst betrachtet!

 

 

 

 

 

Am Valentingstag geht es weiter. Natürlich mit Liebe – oder auch nicht….

 

 

 

Bilder
Wilhelm Busch: Neugier, (c) Königsfurt Urania
Thomas Rowlandson: Kenner, Radierung, 1799, Metropolitan Museum of Art, New York, gemeinfrei
Weitere: Pixabay

3 thoughts on “Wie man Kunst professionell betrachtet.

  1. Ich war mal in der Ausstellung “Privat” in der Schirn – da gab es eine Installation die hiess “my bed”. Die hat mich unwahrscheinlich berührt – aber verstanden habe ich sie nicht. Daneben gab es auch eine Fotoserie von Ai Weiwei und als ich die Fotos sah, hab ich den Künstler sofort verstanden. Ich für meinen Teil, kann Kunstwerke erst dann begreifen, wenn ich sie live sehe. den Eindruck, der das “jüngste Gericht” in der sixtinische Kapelle bei mir hinterlassen hat, muss, glaube ich, ähnlich wie bei den damaligen Zeitgenossen gewesen sein. Kunst ist bei mir die Reaktion, die sie in mir erweckt, wenn ich vor ihr stehe. Aber stilistisch einordnen müsste ich sie an und für sich nicht … 🙂

    1. Oooh ja, die Wirkung von Originalen ist unglaublich. Ich habe schon das ein oder andere Mal feuchte Augen bekommen. auch wenn ich das Bild zuvor schon etliche Male auf Abbildungen gesehen habe.

  2. Ich schau, lass es in mir wirken und schau wieder, was es mit mir macht. Oftmals fühle ich nicht sofort eine Wirkung, verspüre dennoch die ich innerliche Beschäftigung damit, bis ich dann endlich Worte für das für oder wider gefunden habe. Mit anderen Worten : ich brauche schon Zeit. Und dann will ich aber auch mehr wissen über den Künstler, die Technik und die jeweilige Zeit.

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