Gestatten – Mein Name ist Hase

Gestatten - Kunst!

Von der Krux mit Symbolen

[Da hätte ich vor lauter Freude über die tolle Resonanz auf den Zeitungsartikel doch fast vergessen, heute diesen Beitrag zu veröffentlichen…]

Hattet Ihr schöne Ostertage? Und habt Ihr auch so oft an Dürer gedacht? Na, wegen des Hasen natürlich! Nein, ich habe nicht zu viele mit Alkohol gefüllte Schokoeier verspeist. Mir fällt nur beim Thema Hasen immer an eine Begebenheit ein, der ich vor einer Weile beiwohnte und die ich sehr erhellend fand.

Ich nahm an einer Führung durch eine Ausstellung teil, die Elemente aus einer Installation des Künstlers Petrit Halilaj zeigte. Hier auf Inhalt und Hintergrund der Arbeit einzugehen, wäre zu umfangreich, für uns ist an dieser Stelle nur wichtig, dass der Künstler darin Tiere aus seiner Heimat, darunter einen Feldhasen, modelliert hat. Neben mir stand eine ältere „feine Dame“, die die Erläuterungen des Führers nicht ausreichend fand. „Aber der Hase“, warf sie (für meinen Geschmack ein bisschen zu) aufgeregt ein, „das ist doch Dürer!“ Unser ‚Guide‘ antwortete sehr diplomatisch, dass das besprochene Werk einen solchen Bezug nicht hergäbe, worauf die Dame verständnislos den Kopf schüttelte. Ich stand innerlich ganz auf der Seite meines Kollegen. Weniger aus beruflicher Solidarität, auch nicht (nur), weil die Dame mir nicht sonderlich sympathisch war. Sondern einfach, weil er Recht hatte.

Ein Symbol ist ein Symbol – ist eine Sache

Im oben genannten Fall hatte der Hase so wenig mit Dürers berühmtem Nager zu tun wie Bugs oder ein Playboy-Bunny – oder eben der Osterhase. Schon der Dürer-Hase ist eine reine Naturstudie und darf seit über 500 Jahren einfach so, ganz sinnfrei und bedeutungslos, herumsitzen. Anders sieht es schon wieder aus, wenn wir uns Dürers Sündenfall anschauen. Hier steht er entweder für die Fruchtbarkeit (der Mensch soll sich ja mehren), viel eher aber verkörpert er das Triebhafte, die zügellose Sexualität. – Klar, dass er hinter Eva und nicht hinter Adam herumhoppelt.

Viele Dinge…

Woher weiß man nun aber, für was ein Gegenstand oder Wesen symbolisch steht? Das ist ähnlich wie Vokabeln lernen. Ein paar Bedeutungen können wir uns herleiten, andere müssen wir nachschlagen, und wenn wir sie dann immer mal wieder entdecken, merken wir sie uns irgendwann. Besonders leicht machen es uns Märtyrer, die ihre Folterwerkzeuge gerne mit sich herumtragen: Laurenz den Rost (auf dem er gebraten wurde), Erasmus die Winde (mit dem man ihm die Eingeweide aus dem Bauch zog), Katharina von Alexandria das Rad (weil sie gerädert wurde). Trotz der zahlreichen Märtyrer, kommt es bei ihren Attributen interessanterweise nie zu Doppelungen. Die Vielzahl von Folter- und Mordmethoden ist für uns von Vorteil – da werfen wir die Heiligen nicht durcheinander!

…viel Getier

Etwas schwieriger wird es, wenn dieselben Symbole in unterschiedlichen Zusammenhängen auftauchen: Der Mond z.B. symbolisiert die Nacht. Sehen wir auf einem Kunstwerk eine Frau mit einer kleinen Mondsichel auf dem Kopf, ist es Selene, die griechische Göttin des Mondes. Eine Frau, die auf einer Mondsichel steht (und zu 99,999% ein kleines Kind auf dem Arm hält) ist hingegen Maria, die als Mutter des „Lichts der Welt“ die Nacht (= das Dunkle = das Böse) besiegt (hat). Wahlweise kann es statt des Mondes auch eine Schlange sein, die wegen dieser Sache damals im Paradies sowieso schon unten durch war. Es sei denn, sie hängt an einem Äskulapstab, dann steht sie für Heilung. Beliebt zum Niedertreten und als Symbol des Bösen sind in der christlichen Ikonographie auch Drachen und Lindwürmer. Trägt der Mann, der das Schuppentier bekämpft, eine Rüstung, ist er der heilige Georg. Hat er stattdessen oder außerdem noch Flügel, ist er der Erzengel Michael.

Reale Tiere wurden ebenfalls gerne als Erkennungsmerkmale (Attribute) verwendet: Löwen auf Grabmälern stehen oft für die (Glaubens-)Stärke des Verstorbenen, sitzt einer neben einem schreibenden Mann, ist dieser entweder der Hl. Hieronymus oder der Evangelist Markus. Den Kollegen des Letzteren wurden ebenfalls Tiere zur Identifikation beigestellt: der Stier hockt bei Lukas (übrigens nicht verwandt mit dem Ochsen an der Krippe), ein Adler bei Johannes und ein Engel (ok, der ist nicht so wirklich ein Tier) bei Matthäus. (Und wenn Ihr ganz lieb fragt, verrate ich Euch, welche Eselsbrücken ich mir gebaut habe, um mir das zu merken 😊.)

Wer Mose die Hörner aufsetzte

Eine Figur im Reigen der mythologisch-religiösen Persönlichkeiten muss ich besonders hervorheben. Denn sie ist, was ihr Attribut betrifft, besonders seltsam (und der Grund dafür ziemlich witzig). Es ist Mose, der üblicherweise nicht nur einen Rauschebart und die beiden Tafeln mit den 10 Geboten trägt, ihm wachsen außerdem zwei Hörner aus dem Kopf, als sei er der Leibhaftige.

Wie konnte es dazu kommen?! Mose verdankt sein teuflisches Aussehen einem Fehler: Wie Ihr vermutlich wisst, gibt es im Hebräischen keine ausgeschrieben Vokale. Man ergänzt entsprechend des Sinnzusammenhangs (so ließe sich aus den Konsonanten LBN z.B. LeBeN, LoBeN, LieBeN, LaBeN machen). Im Originaltext heißt es, dass Moses „Antlitz strahlte“. Aus dem hebräischen Wort „qāran“ (קָרַן) wurde aber im Lateinischen anstatt coronata (strahlend), das Verb cornuta (gehörnt) abgeleitet. So hat man Mose im wahrsten Sinne Hörner aufgesetzt. Der Fehler wurde zwar irgendwann erkannt, doch das Bild des gehörnten Mose hatte sich da bereits so etabliert, dass es in der Kunst noch lange beibehalten wurde.

Fazit

Symbole sind eine feine Sache, denn sie helfen uns in der Bildwelt mit ihrer großen Anzahl an mythologischen, biblischen und sonstigen Figuren und Geschichten, die Protagonisten und Szenen einer Darstellung schnell zu erkennen. Gleichzeitig – und das gilt vor allem für die zeitgenössische Kunst – können wir uns selbst durch Zeichen, Gegenstände, Tiere etc. in die Irre führen, wenn wir an deren traditioneller Bedeutung festhalten, ohne zu prüfen, ob diese für das konkrete Kunstwerk sinnvoll ist. Auf diese Erkenntnis noch einen Schokohasen!

 


Kennen wir uns nicht von irgendwo her?
Was Werbung mit Kunstgeschichte gemein hat, darum geht es im nächsten Beitrag am 14. April.

 

Albrecht Dürer: Adam und Eva, 1504, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen | Hl. Laurenz auf dem Rost, Psalter, Niederlande (Ghent?), 3. Viertel 13. Jh., British Library, London | Hl. Erasmus, aus einem Stundenbuch, Frankreich, um 1430/40, British Library, London | Hl. Katharina von Alexandria und andere Heilige (Detail), aus einem Stundenbuch, Paris, 1490-1500, Nationalbibliothek der Niederlande, Den Haag | Marmorsarkophag mit Selene und Endymion (Detail), Rom, frühes 3. Jh., Metropolitan Museum, New York | Madonna mit Kind, Elfenbein, Niederlande oder Deutschland, spätes 16. Jh., ebd. | Carlo Crivelli: Hl. Georg, Italien, 1472, ebd. | Hl. Michael mit dem Drachen, wohl Spanisch, um 1405, ebd. | Evangelisten, aus einem Psalter, England, 2. Hälfte 14. Jh., British Library, London | Michelangelo Buonarroti: Mose, Italien, 1513-15, San Pietro in Vincoli, Rom, Wikimedia, Foto: Jörg Wittner

 

2 thoughts on “Gestatten – Mein Name ist Hase

  1. So eine Begenung mit einer schlauen Dame hatte ich auch schon bei einer Führung.. der arme Dürer-Hase muss für alle andern Hasen herhalten und wenn Frau mal was weiß, möchte sie es eben auch kundtun;-)

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