Gestatten – Herbstvergnügungen

Als ich im Frühjahr meine ersten Vergnügungen zum ersten Lockdown schrieb, konnte ich mich mental damit über Wasser halten, dass es uns ja wenigstens zu einer Jahreszeit erwischte, in der man sich viel draußen aufhalten konnte. Das hat sich nun geändert. Uns trifft das zweite Mal zu einer Zeit, in der wir uns sowieso schon gerne verkriechen. Um besser auch durch diese Wochen zu kommen, gibt es hier nun die zweite Reihe der Vergnügungen, die Euch dazu ermuntern will, das Haus wenigstens einmal am Tag zu verlassen, um frische Luft und soviel Licht wie da ist zu tanken.

Heinrich Zille: Mädchen in Pfütze springend, um 1905, Stiftung Stadtmuseum Berlin

Vergnügung Nr. 1: In Pfützen springen

Kinder laufen heute auf Spielplätzen herum wie kleine Michelinmännchen: Wasserdicht verpackt, geradezu vakuumisiert, mit Gummistiefeln, Matschhose und Regenjacke. Das ist auch notwendig: Nasse Kinder kühlen schnell aus, werden dann übellaunig und im ungünstigsten Fall krank. Trockene Kinder aber gehen mit großer Freude und Sorgfalt einer Vergnügung nach, die ich heute auch uns „Großen“ ans Herz legen möchte: Das In-Pfützen-Springen.

Wir haben vielleicht keine Matsch- , aber eine wetterabweisende Hose im Schrank, und Schuhe. Ansonsten tut es auch ein wärmender Schlabberlook mit Regenjacke drüber. Hauptsache: raus. Muss ja nicht weit sein. Pfützen finden sich zur Zeit überall. Wichtig ist nur, dass wir keine (keine!) auslassen und immer den größtmöglichen Schwung nehmen, um hineinzuspringen. Dazwischen und auf dem Weg zurück nach Hause wärmen kleine Sprints uns auf.
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Maria Bilders-van Bosse: Avenue of Oaks in Late Summer, 1880 – 1900, Metropolitan Museum of Art

Vergnügung Nr. 2: Eicheln fangen

Ein Freund von mir hat schon lange den ehrgeizigen Wunsch, eine Eichel genau in dem Moment zu fangen, wo sie vom Baum fällt. Ich finde das eine sehr philosophische Idee, vor allem, wenn ich mir vorstelle, dass man die Eichel (weiter) fallen lässt, kaum dass man sie gefangen hat: Für eine Sekunge hat man den natürlichen Lauf der Dinge unterbrochen, das Schicksal der Eichel außer Kraft gesetzt. Wir stoßen hier auf die großen Fragen nach den Auswirkungen unseres Handelns, der (Un-) Vorhersehbarkeit von Entwicklungen, den Grenzen der Kausalität. Wir können die Eichel aber auch einfach in unsere Manteltasche stecken und sie mit ihrer weichen, runden Oberfläche als Handschmeichler nutzen.
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Paul Cézanne: Still-Life with a Watermelon and Pomegranates, 1900–1906, MET

Vergnügung Nr. 3: Mit dem Regen malen

Der Maler Emil Nolde hat nicht nur gerne in der Natur, sondern in späten Jahren auch MIT der Natur gearbeitet. Es gibt eine Reihe von Aquarellen, die er im Winter draußen malte – und noch nass in den Schnee legte. Heute kann man auf ihnen an einigen Stellen noch die Abdrücke der Schneeflocken und die Spuren der gefrorenen Wasserfarben erkennen.

Wir wollen es Nolde nachmachen. Dazu brauchen wir nur Papier und Farbe, die nicht wasserfest ist. Verkünstelt Euch nicht damit, ein Motiv besonders realistisch oder gekonnt wiederzugeben. Verteilt die Farben einfach so, wie es Euch in dem Moment in den Sinn kommt. Dann legt oder hängt das Bild in den Regen. Die Resultate könnt Ihr gerne hier veröffentlichen!
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Araguira, from the Song Birds of the World series (N23) for Allen & Ginter Cigarettes, MET

Vergnügung Nr. 4: Die Flügel ausbreiten

Beneidet Ihr auch die Kraniche und Gänse, die derzeit über unsere Lande in Richtung Süden fliegen? Wie schön wäre es, mit ihnen zu ziehen, wie es einst Nils Holgerson tat. Nun ist Fliegen aber teuer und gerade doppelt verpönt.

Statt eines langen können wir direkt vor der eigenen Haustür kleine Flüge machen. Wir brauchen nur eine möglichst windfeste Jacke und starken Wind. Wir stellen uns in Windrichtung, öffnen die Jacke und stecken unsere Hände in die Seitentaschen. Dann breiten die Arme aus und springen in die Luft. Ist der Wind kräftig genug, trägt er uns tatsächlich ein paar Zentimeter weit. Für einen Moment überwinden wir die Schwerkraft, kostenlos, ganz ohne Ansteckungsrisiko und Flugscham.

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Lesser Ury: Nollendorfplatz bei Nacht, 1925 © Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Klaus Göken, CC BY-NC-SA 3.0 DE

Vergnügung Nr. 5: Regentropfen verfolgen

Dies ist eine Vergnügung, die ich als Kind auf langen Autofahrten sehr geliebt habe: Wenn draußen der Regen an die Scheibe fiel, habe ich mir einen der dicker werdenden Tropfen ausgesucht und den Finger draufgehalten. Und versucht, ihn genau zu verfolgen: wenn er das Glas runterrutschte, an einem anderen Tropfen hängenblieb und an einem der vielen Rinnsale die Richtung änderte.

Es wird in den nächsten Wochen und Monaten viele Tage geben, an denen der Regen es uns schwer macht, das Haus zu verlassen. Mit der heutigen Vergnügung können wir einen Kompromis schließen: Wir bleiben drinnen, richten unsere Wahrnehmung aber nach draußen. Und können darüber sinnieren, dass der Regentropfen, dem wir gerade folgen, vielleicht schon an Dinosauriern abgeperlt, im Nil an Kleopatra vorbeigeflossen und von unserern Urururgroßeltern getrunken wurde.
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Reciting Poetry in a Garden, first quarter 17th century, Isfahan, Iran, MET

Vergnügung Nr. 6: Umherwandeln und rezitieren

Gerade in den dunklen Jahrezeiten wird ja empfohlen, regelmäßig nach draußen zu gehen, um wenigstens ein Fünkchen Tageslicht einzufangen. Auch diese Vergnügungen sollen anregen, dies zu tun. Raus- und Spazierengehen, ne Runde drehen, kann aber jede/r. Wir wollen diese banale Tätigkeit beim nächsten Mal veredeln, indem wir nicht einfach herumlaufen, sondern umherwandeln.

Der Unterschied zwischen beiden liegt vor allem in der Haltung. Beim Wandeln gehen wir aufrechter und geschmeidiger, als wenn wir einfach nur vor uns herstapfen. Wem es schwerfällt, der stelle sich vor, einen guten Anzug oder ein schickes Kleid zu tragen (auch, wenn es in Wirklichkeit Regenjacke und Jeans sind). Sofort werden wir feststellen, dass uns ein Gefühl von Erhabenheit und Zufriedenheit überkommt. Eine aufrechte Körperhaltung stärkt eben auch das Gemüt. Das Ganze können wir noch toppen, indem wir während des Umherwandelns ein Gedicht rezitieren. Nicht einfach ablesen – inbrünstig und gestenreich vortragen! Muss ja keiner hören. Wenn wir uns einen ganz scheußlich-nasskalten Tag für diese Vergnügung aussuchen, wird unser Ausflug in die Welt der Übertreibung kaum Zeugen haben.
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Louis Philibert Debucourt: Der Windstoß, undat., MET

Vergnügung Nr. 7: Sachen verteilen

Ich hasse Shoppen! Deswegen bin ich, was das Zulegen neuer Kleidungsstücke angeht, eine große Freundin von Flohmärkten und Klamottentausch mit Freundinnen. Eine weitere, wenn auch unberechenbare Methode, den Inhalt des Kleiderschrank zu erweitern, sind Funde. Ich besitze mindestens zwei Paar Handschuhe (etwas zu groß) und eine Mütze (nicht ganz meine Farbe) sowie ein T-Shirt (mit Loch, aber für zuhause und „drunter“ reicht´s), die ich am Wegesrand gefunden habe. Da sie weder durchnässt noch verdreckt noch zerrissen waren, lagen sie wohl noch nicht sehr lange dort, und ich hatte keine Hygienebedenken, sie nach dem Waschen zu tragen.

Natürlich habe ich selbst auch schon Klamotten verloren oder irgendwo liegen lassen. Es gibt also so etwas wie einen natürlichen Kreislauf verlorener und gefundener Kleidung. Diesen Kreislauf wollen wir heute etwas beschleunigen. Jede/r von uns hat Sachen im Schrank, die nicht mehr getragen werden. Raus damit! Beim nächsten Spaziergang 2-3 von ihnen mitnehmen und an gut sichtbarer (trockener, sauberer) Stelle positionieren. Vielleicht sind sie auf dem Rückweg schon weg. Wenn nicht, nehmen wir sie wieder mit und versuchen es beim nächsten Mal erneut.

Sir Edward Burne-Jones: The Love Song (Detail), 1868–77, MET

Vergnügung Nr. 8: Geräusche sammeln

Wir haben mit dem Rezitieren schon Geräusche kreiert. Heute wollen wir Geräusche sammeln. Es gibt Klänge, die bleiben immer gleich: Die Türklingel, das anfahrende Auto (und sein Gehupe, wenn wieder jemand die Vorfahrt missachtet…), der Regen auf der Fensterbank. Manche Laute gibt es aber nur im Herbst: Das Rascheln, wenn wir durch einen Blätterhaufen gehen; der Knall, wenn eine Eichel, eine Kastanie aufs Dach fällt; das Rufen der Kraniche, wenn sie in den Süden fliegen (ok, sie kommen im Frühjahr genauso laut wieder zurück, aber im Herbst klingen sie irgendwie melancholischer, finde ich).

Das Gute an Geräuschen ist, dass man so viele von ihnen mit nach Hause nehmen kann, wie man möchte. Sie nehmen keinen Platz weg, vergammeln nicht und stauben nicht ein. Wenn wir eines von ihnen haben möchten, müssen wir einfach nur an die richtige Stelle in unserem Gedächtnis spulen und schon ist es da. Hört Ihr es?
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Foto: A. Loers

Vergnügung Nr. 9: Glühwein trinken

Es gibt Nahrungsmittel, die sind nur gut, wenn man sie auf bestimmte Weise zu sich nimmt: Pommes zum Beispiel schmecken am besten, wenn man sie mit den Fingern ist. Bei Glühwein ist es genauso: Der entfaltet seine Wirkung am besten, wenn man ihn draußen in der Kälte trinkt.

Eigentlich wäre jetzt die Zeit, wo wir auf Weihnachtsmärkten herumstehen und ihn genießen. Dass es in diesem Jahr keine Märkte gibt, soll uns nicht davon abhalten, ihn trotzdem zu genießen. Hauptsache draußen. Denn nichts ist schöner, als zu spüren, wie er unsere Kehle herunterrinnt und uns von innen heraus doppelt wärmt!
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Vergnügung Nr. 10: Gedichte aushängen

Wenn man immer die selben Wege geht, ist das vor allem um den Winter rum ziemlich langweilig und trostlos. Alles ist im Stillstand, matschig und braun. Da ist es erbaulich, wenn man etwas Unerwartetes entdeckt.

Nun ist die heutige Vergnügung für uns selbst genauso überraschend wie Ostereier verstecken und dann suchen. Aber Gedichte zu verteilen, bringt uns nach draußen, und geteilte Freude usw. … Im Internet finden sich unzählige Gedichte zum Herbst und Winter, zu Weihnachten und Neujahr. Und wer weiß, vielleicht finden sich ja Nachahmer – und wir ihre Gedichte.
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Schon bald geht es hier weiter: Glitzernd, funkelnd, bunt!

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