Gestatten – Paradies! Paradies?

Vor zwei Wochen war ich mal wieder eingeladen zu einem Blogger-Event. Diesmal wäre es für mich nur einen Katzensprung über den Rhein gewesen, aber auch das Museum Wiesbaden hat derzeit natürlich seine Pforten geschlossen. So fand die Veranstaltung digital statt. Hier meine Eindrücke:

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Ist digital das neue live?

Wie muss Roman Zieglgänsberger das Herz geblutet haben – stellvertretend für viele Museumsleute überall auf der Welt: Die von ihm kuratierte Ausstellung August Macke – Paradies! Paradies? wurde drei Tage nach ihrer Eröffnung am 30. Oktober 2020 geschlossen. Bis dahin waren schon tausend Besucher ins Museum geströmt. Der expressionistische Maler (1887-1914) zieht einfach… Auch und besonders noch 100 Jahre nach der ersten großen Gedächtnisausstellung, die damals auch nach Wiesbaden kam. Ein Jammer… Aber auch eine Chance.

Nichts geht über das Original! Das ist ein Satz, den ich in Bezug auf die Betrachtung von Kunstwerken unter normalen Umständen absolut unterschreibe. Entsprechend war ich gespannt, ob und wie mich die digitale Version der Blogger-Veranstaltung packen würde. Eingeladen hatte mich die großartige “Kulturtussi” Anke von Heyl, die ich letztes Jahr in Mannheim kennengelernt und die das Wiesbadener Event entwickelt hatte. – An dieser Stelle ganz herzlichen Dank für die Einladung, liebe Anke! Eine Führung durch die Ausstellung mit dem Kurator und ein anschließendes Gespräch mit ihm, abgerundet durch eine kreative Einheit mit dem Museumspädagogen Daniel Altzweig – alles vom heimischen Computer aus. Geht das? Greift das? Kommt da über den Bildschirm, an den ich mich momentan eh schon wie gefesselt fühle, irgendwas rüber?

Zwischen Exklusivität und kläglichem Scheitern

Wenn ich´s nicht besser wüsste: Gefühlt war ich bei der digitalen Tour mit dem Kurator der Gast einer exklusiven, analogen Einzelführung. Keine anderen Besucher, die den Blick auf die Bilder versperren, kein Gewisper aus Audio-Guides, kein ablenkendes Herumschauen, ob man nicht zu nah an jemand anderem dran steht, kein Maskenatmen. Die Macke-Werke schienen mit ihren leuchtenden Farben  in die hellen Ausstellungsräume geradezu hineinzustrahlen. Das kluge Konzept ihrer Hängung, ihres Nebeneinanders und Gegenübers konnte seine ganze Wirkkraft entfalten. Zusammen mit den enthusiastischen Erläuterungen Dr. Zieglgänsbergers (schönster Kommentar zu einem Aquarell von zwei bemalten Blumentöpfen sinngemäß: “Die sind mit ihren Mustern so voller Energie – da können die Pflanzen, die da reinkommen, garnicht anders, als was werden!”) fühlte ich mich tatsächlich, als sei ich im Macke-Paradies angekommen.

Schon eine Woche zuvor hatte mich ein Päckchen mit allerlei Leckereien und Bastelzubehör erreicht. Ich war bass erstaunt und auch ganz schön neidisch, was die anderen Teilnehmer*innen in der anschließenden Kreativ-Runde als ihre eigene Interpretation des Paradieses in kürzester Zeit aus der Schachtel zauberten! Mein Versuch, meine Island-Eindrücke von vor gut zwei Jahren irgendwie in die Materie hineinzuarbeiten, scheiterte kläglich und landete umgehend im Papierkorb…*

Für immer verloren (?)

Als ich mich nach ca. drei Stunden von den Anderen am Bildschirm verabschiedete, war ich bereichert und wehmütig zugleich. Auch, wenn wir uns nur digital gesehen haben, es hat total gut getan, endlich mal wieder mehr als nur ein Gesicht zu sehen, Gedanken auszutauschen, miteinander Fragen nachzugehen, kreativ zu sein – einfach einen schönen Abend zu haben. Ein großes Kompliment an Anke, die so witzig und locker durch die Veranstaltung moderiert hat, dass man sich im digitalen Raum ganz heimisch fühlte.

Für mich ist das Eis zwischen digitalem Museum und mir ganz eindeutig gebrochen. Auch wenn ich sehr hoffe, mir die Macke-Ausstellung auch noch analog anschauen zu können (läuft noch bis zum 9. Mai), die virtuelle Version ist natürlich anders, aber auch anders gut.

Über den Künstler habe ich nun gar nichts geschrieben… Dafür hänge ich Euch unten noch Links zu den Beiträgen der anderen Teilnehmer*innen an, wo Ihr mehr erfahren könnt. Mich hat vor allem eines beschäftigt: August Macke ist sehr jung gestorben. Zwei Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs kam er 27-jährig in der Champagne ums Leben. In den nur zehn Jahren seiner künstlerischen Aktivität schuf er Zukunftsweisendes. Immer wieder wird bei der Auseinandersetzung mit ihm davon gesprochen, welcher Schock durch die Kunstwelt ging, als sein Tod bekannt wurde. Und immer wieder wird spekuliert, wie er sich weiter entwickelt hätte, wie maßgeblich er für die Kunst noch hätte sein können. Wir kämpfen gerade weltweit wieder einen Kampf, wenn auch ganz anders geartet als ein Krieg zwischen Mensch und Mensch. Ich will den Verlust eines Lebens nicht gleichsetzen mit dem Verlust kreativer Möglichkeiten. Dennoch kam und komme ich nicht um die Frage umhin, was gerade eigentlich unwideruflich an künstlerischen Existenzen, an kreativem Potential und Schaffen verloren geht. Einfach, weil Künstler*innen durch die Corona-Umstände und geringer bis gar keiner staatlichen Hilfen zum Aufgeben gezwungen sind…

Links

Hier könnt Ihr die Eindrücke anderer Teilnehmer*innen am Macke-Event nachlesen:

Sinn und Verstand: Sehnsucht nach Kunst, Begegnung mit Kunst
Die Kulturflüsterin: Digital durchs Museum: Zu Gast in der Ausstellung „August Macke. Paradies! Paradies?“
Kultur und Kunst: Paradies! Paradies?
Und natürlich die Kulturtussi: Das Paradies vor Augen

Am Sonntag, 28. Februar, um 15 Uhr findet übrigens die nächste Online-Kuratorenführung statt: https://museum-wiesbaden.de/macke
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*Immerhin gelang mir diese (wie ich finde) recht interessante Screenshot-Fotografie, die ich Euch in Ermangelung des vorzeigbaren Workshop-Ergebnisses gerne zeige.

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Zu sehen: August Macke: Badende Frauen (Entwurf für eine Weberei), 1913, Wilhelm-Hack- Museum, Ludwigshafen am Rhein | ders.: Gartenbild, 1911, Kunstmuseum Bonn, Dauerleihgabe des Landes Nordrhein-Westfalen, Foto: Kunstmuseum Bonn / David Ertel ders,: Seiltänzer, 1914, Kunstmuseum Bonn. Foto: Kunstmuseum Bonn / Reni Hansen

4 thoughts on “Gestatten – Paradies! Paradies?

  1. Liebe Esther,
    dank dir für die schöne Beschreibung. Sie macht tatsächlich Mut sich auf digitale Museumsführungen einzulassen.
    Bisher dachte ich mir immer: “Muss leider warten und versäume so wunderbare Ausstellungen”
    Oja

  2. Liebe Esther,
    wie schön du es beschrieben hast, dass doch was rüberkommt über den Bildschirm. Und klar, wir würden uns alle so sehr freuen, wenn es wieder analog ins Museum geht. Aber das bedeutet ja nicht, dass man nicht auch von den digitalen Formaten etwas mitnehmen kann. Ich fand es auch so eine schöne und runde Sache. Und wenn es wieder geht, dann nichts wie hin. Wenn wir uns dann wieder live und in Farbe sprechen können, umso schöner.
    Liebe Grüße von Anke

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