Gestatten – Schön (oder) scheußlich?

Kunst und Kitsch

„Boah, ist DAS kitschig!“

Der Anblick von etwas Kitschigem erzeugt in uns ein ganz seltsames Gefühl, eine ambivalente Mischung zwischen Faszination und Entsetzen. Es ist ein bisschen so, wie gekitzelt werden: Man findet es unangenehm, muss aber trotzdem lachen. Das Gefühl ist dem Ekel gar nicht so unähnlich. Vielleicht kann man sagen: Kitsch ist wie Ekel – mit ganz viel rosa Zuckerguss drumherum.

Die Frage, was ist schon Kitsch und was noch Kunst, lässt sich nicht hinreichend beantworten. Die Grenzen sind fließend und nicht zuletzt Frage des eigenen Geschmacks. [Damit könnte ich diesen Beitrag eigentlich beenden. Aber nein…] Doch gibt es neben einer gewissen Schnittmenge beider Begriffe Außengrenzen, die weiter nicht voneinander entfernt liegen könnten. Kunst geht ein Prozess voraus, während Kitsch sich einfach einer vorhandenen Vorlage bedient und diese – stark vereinfacht – reproduziert. Komplexität und Exklusivität des Kunstwerks werden ersetzt durch Vereinfachung und Masse.

Als das Paradebeispiel für Kitsch gilt Dürers Studie der betenden Hände für den Heller-Altar, trillionenfach kopiert als Blech- und Holz-Relief (mit Monogramm!), Körper- und Wandtattoo, auf Grabmälern und Kerzen. Wir sprechen hier zwar „nur“ von einer Studie! –, die erkennt man an der recht groben Schraffur und den nur angedeuteten Ärmeln, – trotzdem ist sie ein Meisterwerk (, wie die weiteren Studien zum Altar, der selbst leider zerstört ist) mit ihren genauestens ausgearbeiteten Adern und Fingernägeln, Gelenken und Lichtreflexen. Die Hände scheinen fast plastisch. Die besondere Farbigkeit des Papiers verleiht ihnen darüber hinaus etwas Mythisches, Ätherisches. Diese Feinheiten und Besonderheiten sind auf den oben genannten Massen-Varianten allesamt verschütt gegangen. Geblieben sind Hände mit Finger zwischen Wurstigkeit und Gicht. Gut, dass Albrecht das nicht mehr ansehen muss… Ähnlich schlimm hat es nur noch die Griffel von Adam und Gott aus Michelangelos Erschaffungsszene in der Sixtinischen Kapelle getroffen.

Haaach, wie romantisch!

Soweit, so klar die Grenzziehung zwischen Kunst und Kitsch. Doch was, wenn sich künstlerisches Können mit der Süßlichkeit des Kitsches vermischt? Eine Epoche der Kunst scheint mir für das Abrutschen ins Schnulzige besonders prädestiniert: die Romantik. Schon der Begriff an sich, aber auch das, was wir mit ihm assoziieren, hat einen überzuckerten Beigeschmack: Sonnenuntergänge, Vollmond, Kerzenlicht, laue Sommernächte mit zirpenden Zikaden und schwerem Rosenduft, Verliebtheit und Sehnsucht. Wobei auch hier gilt: Was den Einen zum Seufzen bringt, bringt den anderen zum Ächzen. Wie bereits gesagt, liegt auch Kitsch im Auge des Betrachters. Trotzdem will ich versuchen, anhand zweier Bilder aufzuzeigen, warum ich das eine im Vergleich zum anderen für kitschiger halte. Ich schicke also in den Ring:

Caspar David Friedrich vs. Karl Friedrich Schinkel

(– Etwas verwirrend, dass der zweite Vorname des Einen ausgerechnet dem Nachnamen des anderen entsprechen muss… Aber schon allein, weil ich schreibfaul bin, werde ich hier nur die Nachnamen verwenden.)

Schinkel (1781-1841) ist uns heute eher als Architekt bekannt – seine Bauten prägen das Bild Berlins bis heute maßgeblich. Doch hat er zeitlebens auch gemalt, nicht selten – Architektur. Um 1813 malte er die fiktive Ansicht „Dom über einer Stadt“, die im Original leider verloren gegangen, jedoch in einer sehr guten Kopie von Karl Eduard Biermann aus dem Jahr 1830 erhalten geblieben ist. Die Gotik lag damals hoch im Kurs. In der Renaissance als barbarischer Stil verschrien (der Begriff leitet sich von den Goten ab, und Goten waren in der Vorstellung früherer Tage eben Barbaren), erhob kein Geringerer als Johann Wolfgang von Goethe sie zu dem deutschen Baustil schlechthin, was aus seinem Munde natürlich ein Ritterschlag war (– dass sich die Gotik maßgeblich in Frankreich entwickelt hatte, wusste der gute Goethe nicht). Entsprechend, und weil sich die Architektur gerade in einer Sinnkrise befand, begann man, diverse Gebäude im alten Stil zu errichten, was zum Teil sehr skurrile Blüten trieb. Anders als heute, wo wir „das tiefste Mittelalter“ als Synonym für Rückschritt und verkrustetes Denken verwenden, idealisierte man in der Romantik die Gotik als eine Epoche, in der die Welt noch in Ordnung war. Und diese Verklärung kann man, finde ich, in Schinkels Gemälde gut erkennen.

Zu viel des Guten vs. …

Dramatisch gebauschte Regenwolken verziehen sich nach rechts aus dem Bild und machen der untergehende Sonne Platz, die ein pastelliges Gegenlicht auf den mächtigen Dom wirft, der erhaben über einer kleinen Stadt steht. Häuser verschiedener Bauart, allesamt in bestem Zustand, schmiegen sich an sein Fundament. Ein südländisch anmutendes Viadukt spannt sich nach rechts über einen Fluss, an dessen Ufer ein kleiner Tempel steht, und bildet die Verbindung zu dem etwas höher gelegenen Teil der Städtchens, dessen Häuser (ebenfalls im besten Zustand) ebenfalls von der Abendsonne in ein ebenfalls pastelliges Licht getaucht sind. Menschen sitzen entspannt auf der Flussmauer im unteren Bildteil; ein Mann bietet einer Dame galant Hilfe beim Einsteigen in ein Boot an, das wohl gleich über den ruhigen Strom gleiten wird.

Ach, es ist aber auch alles so schön und so friedlich! Und so wohlgeordnet und sauber! Selbst die Pflanzen scheinen sich dem Ideal von Reinheit und Kultiviertheit unterworfen zu haben. Einzig ein tiefgebeugter Mann mit Sack auf der Schulter bildet ein kleines Gegengewicht in diesem so unbeschwerten Idyll.

Natürlich sind wir – wie auch in den Epochen zuvor – mit der Romantik nicht in einer Zeit, in der die Kunst das knallharte Leben darstellte. Kunst hatte immer auch die Aufgabe, zu idealisieren, den Betrachter in eine schöne Illusion zu entführen. Aber die Lieblichkeit von Schinkels Bild bereitet mir einfach Zahnziehen. Muss denn der Himmel so theatralisch sein? Braucht es denn diese goldige Beleuchtung? Und die Kathedrale einen Unterbau, um noch imposanter zu erscheinen? Könnten nicht hier und da nicht doch mal etwas Unkraut wachsen, ein Riss im Mauerwerk sein oder eine streunende Katze gerade eine Maus verzehren? Für mich ist das einfach zu viel des Guten. – Als würde man ein Karamellbonbon noch mit Honig bestreichen oder Baklava mit Puderzucker bestreuen.   

… wohl dosiert

Caspar David Friedrich (1774-1840) ist mehr für seine Naturdarstellungen bekannt, doch hier und da tauchen auch bei ihm Gebäude auf. Gerne in ruinösem Zustand – ach, er war einfach ein Melancholiker… Hier aber, der besseren Vergleichbarkeit wegen, ebenfalls ein Bild mit Dom. Die „Gartenlaube“ entstand 1818, also nur wenige Jahre nach Schinkels Bild. Neben dem Motiv der Kathedrale finden wir auch in diesem Beispiel einen bewegt-bewölkten Himmel und das güldene Gegenlicht. Pflanzen bilden für diese Aussicht einen natürlichen Rahmen, ebenso das hölzerne Gerüst der Laube, in der links eine Frau sitzt und rechts ein Mann steht. Beide schauen hinaus und sind von uns abgewandt. Ja, auch dieses Bild hat Pathos und genug Zutaten für eine echte Kitsch-Kalorienbombe. Dennoch: Für meinen Geschmack dosiert Friedrich im Vergleich zu Schinkel hier einfach besser. Der Dom ist zwar auch hier Mittelpunkt und „eye-catcher“, erschlägt einen aber nicht mit Imposanz. Vielmehr wirkt er, als würde er natürlich aus den Stangenbohnen-Stangen und dem Efeu herauswachsen. Dieses darf auch ganz frei fleuchen und wurde nicht ordentlich zurechtgestutzt. Und nicht zuletzt fühle ich mich als Betrachterin viel stärker selbst in die Szene integriert, weil ich die Aussicht mit den beiden Figuren teile – während ich mir bei Schinkel eher wie die Empfängerin einer Urlaubspostkarte vorkomme, die das Idyll einer anderen Welt nur betrachten, aber nicht daran teilhaben kann.

Und selbst?

Friedrich liegt mir bei Weitem mehr als Schinkel. Hier, aber auch sonst. – Was aber nicht heißt, dass auch er nicht manchmal zu tief in die Zuckerdose gegriffen hat! Und wiederum Schinkel nicht auch ohne zusätzlichen Schmelz malen konnte! Hier noch ein paar weitere Werke der beiden. Welche findet IHR kitschig, welche moderat? Und WARUM? – Ich bin sehr gespannt auf Eure Kommentare!

Beim nächsten Mal betrete ich Neuland. Ich begebe mich nämlich auf Exkursion in die zeitgenössische Kunst! Ob und wie ich mich als eingefleischte Kunsthistorikerin darin zurechtfinde, erfahrt Ihr im August. Kommt gut durch die ersten heißen Sommertage!

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Weitere Bild-Credits: Caspar David Friedrich: Zwei Männer bei der Betrachtung des Mondes (Detail), 1825-30, MET | Dürer-Hände als Wand-Tattoo gefunden auf trimaldo.de | …als Wandanhänger gefunden auf Ebay | …als Haut-Tattoo gefunden auf tattoo-bewertung.de || Michelangelo-Hände als Wandtattoo gefunden auf witec-design.de | … als Relief gefunden auf Ebay | … als Bauch-Tattoo gefunden auf ratemyinc.com | Karl Eduard Biermann nach Karl Friedrich Schinkel (1813): Dom über einer Stadt, um 1830, Neue Pinakothek, München, CC BY-SA 4.0 Caspar David Friedrich: Die Gartenlaube, 1818, Neue Pinakothek, München, CC BY-SA 4.0

Besonderen Dank an das Museum Georg Schäfer, Schweinfurt, und das Albertinum | GNM, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, für die kostenlose Zurverfügung-Stellung der Bilder!

6 thoughts on “Gestatten – Schön (oder) scheußlich?

  1. Bei CDF hab ich das Gefühl, er lässt mich mit ihm in das Bild hinein gucken, er bezieht mich ein in das Staunen über diesen Anblick, und in die Stimmung die dieses Bild erzeugt. Bei Schinkel guck ich auf das Bild und bleibe aussen vor, es berührt mich nicht. Da kommt kein AHA-Effekt.Vielleicht weil es von allem etwas zu viel hat. Postkarte eben!

  2. Caspar David Friedrichs Gemälde mochte ich schon immer, aber grad der überzuckerte Kitsch von Schinkel gefällt mir irgendwie sehr gut, weil er mich sehr an meine Träume erinnert. Die spielen oft in Landschaften, in denen (sehr im Gegensatz zur Handlung) alles wunderschön, romantisch und übertrieben gigantisch ist. Da würde ich Nachts öfters gerne Screenshots davon machen^^

    1. Vielen Dank für die interessante Anmerkung, Simone! Wenn ich so drüber nachdenke, dann sind meine Träume, was das Naturerleben angeht, ganz deutlich CDF :)
      Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob und inwiefern Kunst meine Träume beeinflusst. – Oder meine Träume meinen Kunstgeschmack. Eine sehr interessante Überlegung…

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