In 10 Schritten zu wahren Kunstexperten

Gestatten - Kunst!

 

Im Film Midnight in Paris gibt es eine wunderbare Szene, in der ein Kunstlaie einem (vermeintlichen) Kunstexperten die Show stiehlt: Durch Umstände, die nicht näher erklärt werden, hat der Protagonist (Gil) die Möglichkeit, jede Nacht in die Vergangenheit zu reisen und landet im illustren Paris der 1920er Jahre. Mit einem seiner neuen alten Freunde landet er bei Gertrude Stein, die mit dem junge Picasso gerade hitzig ein neues Bild [„Badende“ von 1928, heute im Musée des Beaux-Arts, Rennes] diskutiert. Am Tag, wieder in der Gegenwart, treffen Gil mit seiner Verlobten Inez und einem befreundeten Pärchen (Paul und Carol) bei einem Ausstellungsbesuch just auf jenes Gemälde. Paul, ein schrecklicher Besserwisser, beginnt sofort mit einem Vortrag über die Entstehung und die Genialität des Werks. Aber Gil weiß es aus erster Hand und deshalb besser. Er widerspricht Paul, übt in den Worten Gertrude Steins Kritik und erklärt die wahren Umstände, unter denen das Bild entstand. [Hier gibt es die Szene auf Englisch] Die Szene ist nicht nur lustig, weil der unsympathische Paul als Schwätzer entlarvt wird. Sie ist vor allem deswegen gut, weil Gil, den alle, einschließlich ihm selbst, für einen Loser halten, sein Wissen mit einer Gelassenheit und einem Selbstverständnis vorträgt, die keinen Einspruch dulden.

Zwar können wir nicht wie Gil in die jeweilige Entstehungszeit eines Kunstwerks reisen. Doch will ich Euch für Euren nächsten Museumsbesuch ein paar Tipps an die Hand geben, wie Ihr Besserwisser von wahren Kunstkennern unterscheidet – und natürlich selbst zu Letzterem werdet:

1_Gelassenheit
Der Besserwisser ist wie der Klassenstreber, der schnipsend vorm Bild steht und unbedingt loswerden will, dass er was weiß. Lasst ihn ruhig erstmal reden und tragt Euren Hammer-Experten-Satz dann gelassen vor.
Beispiel: „Das hast Du schon sehr schön zusammengefasst, XY. Wenn ich noch ergänzen dürfte, dass…“

2_Qualität statt Quantität
Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Verschießt nicht alle Pfeile auf einmal. Lieber einmal was richtig Beeindruckendes sagen (s. 1) und sich ansonsten eher zurückhalten. Als wahre Experten habt Ihr es nicht nötig, mit Eurem Wissen zu protzen.
Beispiel: s. 1

 

3_Allgemeinbildung
Verkauft auch Euer Hintergrundwissen dezent, so, als sei es Teil einer guten Allgemeinbildung. Weil niemand gerne zugibt, etwas allseits bekanntes nicht zu wissen, wird Euch niemand widersprechen, besonders der Besserwisser nicht.
Beispiel: „Man weiß ja, dass Rembrandt…“ oder „Wie ja allgemein bekannt ist…“.

4_Unsicherheit
Der Besserwisser hat auf alles eine Antwort. Der wirklich Wissende aber hat kein Problem damit, auch mal etwas nicht zu wissen. Das macht Euch bei Euren Mitmenschen sympathisch(er). Trotzdem nur sehr sparsam einsetzen!
Beispiel: „Das war, meine ich, in den 1820er Jahren…“, „War das nicht so, dass…?“

5_Fachbegriffe
Während der Besserwisser mit Fachtermini um sich wirft wie der Jeck an Karneval mit Kamelle, gibt auch hier für Euch: dosiert und gelassen einstreuen. Hier solltet Ihr allerdings wissen, wovon Ihr redet! Wenn auf Nachfrage nichts kommt, könnte Euch das als Hochstapler entlarven.

6_Künstlernamen richtig aussprechen
Dass man van Gogh nicht van Gock ausspricht, weiß jeder. Hier noch weitere Namen in der originalen und der ausgesprochenen Version:
Constantin Brancusi (Bildhauer, 1876-1957): Brankuusch (gerne noch mit rollendem „r“)
Lázló Moholy-Nagy (u.a. Maler, Fotograf, Bauhauslehrer, 1895-1946): Moholi-Natsch
Alexander Archipenko (Bildhauer, 1887-1964): Archípenkó (Betonung auf der 2. und 4. Silbe)
Veit Stoß (Bildhauer und -schnitzer, um 1447-1533): Vjett Schtosch

7_Blick
Als Kenner wisst Ihr, dass es bei Kunstwerken immer erstmal um den Gesamteindruck geht. Rennt also nicht wie der Möchtegern zum Objekt und drückt Eure Nase dran platt. Haltet Abstand, schaut eine Weile. Dann könnt Ihr nochmal näher rangehen, um Details zu betrachten, den Pinselstrich zu würdigen etc.

8_Zeit lassen
Vor dem Werk Eurer Wahl steht eine Traube von Museumsbesuchern? Bleibt gelassen und wartet, bis mehr Platz ist. Lasst Euch Zeit bei der Betrachtung der Werke, die Euch ansprechen. Als Experten könnt Ihr das ein oder andere Objekt auch mal links liegen lassen.

9_Solidarität
Wenn Ihr an einer Führung teilnehmt, grätscht dem Führer nicht durch nonverbale (Stirnrunzeln) oder verbale Aktionen in den Vortrag (das macht nur ein Besserwisser). Die Leute wissen meist sehr gut, wovon sie reden und haben vorab viel Zeit darauf verwandt, sich vorzubereiten. Wenn die Führung Euch trotzdem nicht gefällt, geht. Ansonsten sind Führer dankbar um interessierte, wohlwollende Zuhörer.

10_Sitzen
Kunst anschauen ist anstrengend! Wenn´s Euch zu viel wird, macht eine Pause. Nur der Besserwisser macht Ausstellungsbesuche zu einer Wettkampfdisziplin. Mittlerweile bietet jedes Museum Sitzgelegenheiten an. Nutzt die Pause, um andere Museumsbesucher zu beobachten – das ist sehr interessant! Sicherlich habt Ihr nun ein Auge dafür, wer ein Experte und wer ein Besserwisser ist.

 

 

Ich mache eine kleine Osterpause. Am 5. April geht´s dann um die Krux der Symbole.

Christiaan Andriessen: Besucher einer Ausstellung in Amsterdam, 1808, Rijksmuseum Amsterdam | nach Héloïse Leloir-Colin: La Mode Illustrée (Detail), 1869, ebd. | David Bles: Stehender Mann, ein Bild betrachtend (Detail), 1831-1899, ebd. | Anonym: Ausstellung mit Bildern lebender Meister, 1845, ebd.

 

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