Gestatten – Sehnsucht nach Meer

*SEUFTZ*

Ich seufze gerade sehr viel. Gefühlt dreimal am Tag erzählt mir jemand, er/sie fahre in Urlaub. Ich nicht. Also seufze ich.

Besonders tief und lang seufze ich, wenn mir jemand sagt, er/sie fahre ans Meer. Ich will auch ans Meer! Ich weiß schon nicht meer (haha…), wann ich überhaupt das letzte Mal da war! Das finde ich bedenklich…

Aber: Wozu hat man die Kunst! Wenn ich nicht zum Meer komme, dann kommt das Meer einfach zu mir! Vielleicht habt Ihr ja auch Meeressehnsucht. Dann habe ich hier ein paar Bilder für Euch! (Musikalisch untermalen lassen könnt Ihr Euch das Lesen von diesem wunderbaren Lied: Charles Trenet: La Mer)

Mal Meer mal weniger

Eines der bekanntestes Meerbilder ist sicher Mönch am Meer (1808-1810) des von mir sehr verehrten Caspar David Friedrich. Hier zeigt sich die ganze Sehnsucht, Unendlichkeit und das Fernweh, die uns beim Anblick des Meeres ergreifen. Aber auch die Banalität des Menschen vor der wilden Kraft der Natur spiegelt sich hier. Der Mensch ist hier Statist, das Meer spielt die Hauptrolle.

Lange Zeit war das genau andersrum: Das Meer war auf Bildern eigentlich nur da, weil bestimmte Geschichten nun mal mit ihm zu tun hatten. Venus wurde draus geboren, Noah schipperte drauf rum, Schlachten zwischen großen Seemächten fanden darauf statt. Das Meer war sozusagen eine notwendige, aber nicht weiter beachtete Kulisse für die Darstellung berühmter Persönlichkeiten und Ereignisse.

Schiff + Wellen = fertig

Das änderten sich in den Niederlanden des 16., vor allem aber des 17. Jahrhunderts. Im Goldenen Zeitalter verkauften sich Seestücke wie geschnitten Brot. Ein paar Wellen, ein paar Schiffe drauf. Fertig. Nächstes Bild. Seltsamerweise blieb die Beliebtheit von Seestücken lange rein auf die Niederlande beschränkt.

In Deutschland hatte das Meer dann seinen großen Durchbruch mit der Romantik. Von aufgewühlten Wogen bis zu sanft ans Ufer gleitenden Wellen bot es ein großes Spektrum an emotionaler Aufladung, in der der Mensch seine Seelenzustände wiederfand. Und darum ging es ja in der Romantik: Die Widerspiegelung menschlicher Gefühle in der Natur.

Zur See, Pferdchen!

Könnt Ihr Euch vorstellen, zwar AM Meer zu sein, aber nicht HINEIN zu gehen? Heute würden wir uns fragen, warum man denn ans Wasser fährt, wenn man keinen Fuß hineinsetzt. Die Idee von Mittendrin statt nur nah dran ist beim Meer aber tatsächlich erst ca. 120 Jahre alt. Und vom Bad im kühlen Nass konnte auch da noch nicht die Rede sein. Man stand mehr drin herum. Das galt als gesundheitsfördernd. Damen – für heutige Begriffe noch sehr verhüllt – nutzten Badekarren, die mit Pferden ins Wasser gezogen wurden. Dann konnte frau züchtig und ungesehen über eine kleine Treppe ins Meer tauchen.

Die Impressionisten hatten ja an sich die Natur als ihre große Meisterin entdeckt. Die sich im Verlauf des Tages ständig ändernde Lichtstimmung veränderte auch die dargestellten Landschaften immer wieder aufs Neue. Den Eindruck eines Moments einzufangen und direkt auf die Leinwand zu bringen war ihre Errungenschaft für die Malerei. Das Meer stand dabei natürlich hoch im Kurs, denn es hat unendlich viele Gesichter. Flanierende Badegäste, elegante Reiter am Strand, Kinder beim Muschelsammeln: Die Sommerfrische bot Malern eine Vielzahl von Motiven. Max Liebermann (1847-1935) malte Meeresansichten ungefähr so häufig wie die niederländischen Maler.

Menschenleer, nirgendwo

Vielleicht lag es an den Weltkriegen, vielleicht daran, dass Ferien am Meer nicht mehr nur den Wohlhabenden vorbehalten und damit zu banal waren, um sie auf Leinwand abzubilden, aber nach der Jahrhundertwende wurde der Blick der Künstler auf das Meer ein deutlich nüchternerer. Edward Hopper (1882-1967) ist bekannt für seine geradezu seelenlosen Bilder, in denen Menschen – auch am und auf dem Wasser – gemeinsam einsam, richtig einsam oder erst garnicht vorhanden sind. Häufig sind es nur Leuchttürme, Strandvillen und leere Segelboote, die auf ihre Existenz verweisen. Die Einsamkeit, die auch C.D. Friedrichs Mönch am Meer empfinden mag, findet sich hier wieder.

Das wohl mit Abstand am wenigsten „meerige“ Meeresbild habe ich bei Richard Sera (*1938) entdeckt: Taraval Beach II von 1977 ist eines jener Gemälde, die bei Betrachter:innen Reaktionen wie „Und das soll Kunst sein?!“ oder „Das hätte ich auch gekonnt!“ hervorrufen. Dabei hat die abstrakte Malerei einen großen Vorteil: Man kann in sie alles hineininterpretieren und -assoziiieren. Hat sich der Maler beim Urlaub am Meer in seinem schwarzen Bungalow vor dem gleissenden Licht geschützt? War der Sand am Strand besonders hell, es lagen aber schwarze Steine drauf? Alles ist möglich!

Was verbindet Ihr mit dem Meer? Welche besonderen Erinnerungen habt Ihr? Und gibt es ein Meer, einen Strand, der Euch besonders gut gefällt? Schreibt es gerne in die Kommentare!

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William Merritt Chase: Am Strand, ca. 1892, Metropolitan Museum, New York | Caspar David Friedrich: Mönch am Meer, 1808-1810, Sammlung: Nationalgalerie | Alte Nationalgalerie, Berlin © Foto: Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Fotograf/in: Andres Kilger, Copyright | Pieter Mulier (!): Fischerboot mit Wind in den Segeln, 1625-1640, Rijksmuseum, Amsterdam | Salomon van Ruysdael: Segelschiffe auf einem Binnengewässer, 1630-1670, ebd. | Salomon van Ruysdael: Segelschiffe auf einem Binnengewässer, 1630-1670, ebd. | Da es von Liebermann keine gemeinfreien Strandbilder gibt, hier ein ganz ähnliches von Anton Mauve: Morgendlicher Ritt am Strand, 1876, ebd. | Jozef Israëls: Kinder der See , 1872, ebd. | Edward Hopper: Bodenwelle, 1939, National Gallery of Art, Washington D.C.

 

 

 

 

 

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